"Mehr Groupies in New York"

Die Künstlergruppe Gelatin werkt im 21er Haus sechs Tage live an einer Installation

INTERVIEW: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 22/13 vom 29.05.2013

Die Liste ihrer internationalen Ausstellungen ist lang, aber die Einladung in ein Wiener Museum kam erst jüngst: Die ewig jungenhaften Künstler Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reiter und Tobias Urban arbeiten bereits seit 1995 als Gelatin zusammen. Nun fliegt das Quartett Mitstreiter und Musiker zur mehrtägigen Performance ein. Im Interview erzählten drei Gelatins über Brautkleider, kaputte Kunst und Hohlräume im Kopf.

Falter: Wie kam es zu der Idee, Ausstellungen live vor Publikum zu produzieren?

Tobias Urban: Wir haben früher Vorträge gemacht, aber das Reden ist nicht unsere Stärke. So wurden Performances wichtiger, bei denen man etwas vor Publikum macht.

Große Hallen scheinen Sie spielend zu meistern. Kennen Sie keinen Horror Vacui?

Ali Janka: Ich wache jeden Tag mit Horror Vacui auf! Nein, prinzipiell ist die Größe des Ausstellungsraums egal. Urban: Wir sind draufgekommen, wenn Ali drei Tage vor der Eröffnung einen Albtraum hat, wird die Ausstellung gut.

Janka: Leider habe ich keine Albträume mehr.

Macht das Heimspiel einen Unterschied? Oder ist es einerlei, in Wien oder New York auszustellen?

Janka: Mir ist das egal. In New York haben wir aber mehr Groupies Urban: Es macht bei einer Performance schon einen Unterschied, wenn du die Gesichter kennst, in die du schaust. Das ist aber das Einzige.

Auf dem Ausstellungsposter sind Sie in Brautkleidern zu sehen -auf der wilden schwedischen Insel, wo Sie 2009 einen Monat verbracht haben. Sind Sie Romantiker?

Janka: Auf jeden Fall. Das in Schweden war ein Skulpturenprojekt. Das Brautkleid ist ja ein extrem skulpturales Gewand und auch extrem praktisch. Man kann damit Spaghetti abseihen. Mein Kleid war aus Naturseide, ziemlich warm und winddicht. In den vielen Schichten konnten Insekten leben. Man hat immer etwas zu tun, muss es ständig flicken, wenn der Schleier abreißt, oder damit schwimmen gehen, wenn es schmutzig ist. Im Prinzip bin ich aber gegen Survival, das ist das Dümmste.

Urban: Nur beim Sägen war es nicht praktisch, wenn der Wind von hinten gekommen ist.

Wolfgang Gantner: In der Kunsttheorie heißt das wohl "Living Sculpture".

Danach haben Sie das bei Kindern sehr beliebte Buch "Fade Insel" produziert.

Gantner: Ich bekomme wahnsinnig viele Reaktionen von Eltern, und es scheint, dass alle Kinder dieselbe Stelle im Buch lieben: Das ist die, wo Ali auf der Scheiße ausrutscht. Da hauen sich die Kleinen ab, und den Eltern geht es extrem auf die Nerven, weil die das schon seit zwei Monaten vorlesen müssen.

Bei der Ausstellung "The Fall Show" 2012 in einer New Yorker Galerie konnten die Besucher per Fußpedal Skulpturen vom Sockel schmeißen. Eine Attacke auf die "heilige" Kunst?

Gantner: Für uns war eher die Frage spannend, wann eine Arbeit fertig ist: Wenn sie fällt, wenn sie aufprallt oder wenn sie zurückgestellt wird? Dadurch entwickelt sich

eine Situation. Und in einer Galerie taucht dann ja auch noch die Frage auf, was verkauft wird.

Janka: Die Galeristin hat nicht mit der Wimper gezuckt.

Gantner: Bei der Eröffnung gab schon eine kurzzeitige Sprachlosigkeit. In diesem ausdefinierten Kunstfeld herrschte plötzlich eine vollkommene Ohnmacht. Ich habe mich zunächst im Büro versteckt, weil ich nicht wusste, was da passiert -randalieren bald alle, oder was entsteht aus dieser Situation?

Janka: Ich finde diesen Gedanken des japanischen Shinto-Glaubens schön: Da wird ein Haus gebaut, und wenn der Bewohner stirbt, wird es wieder abgerissen und zerfällt so in seine Einzelteile. Im Atelier kombiniert man ja auch Teile, die wieder auseinanderfallen.

Im Pressetext ist von "negativem Raum" die Rede. Was meinen Sie damit?

Janka: Also, mir ist vor zwei Wochen durch die Nase ein Geschwür abgesaugt worden, und ich habe jetzt einen Hohlraum im Schädel. Das fühlt sich super an. Mit so etwas arbeiten wir.

Und was hat es mit dem Titel "Loch" auf sich? Muss man sich darauf einstellen, dass man wieder wo hineinkriechen oder hinuntertauchen muss?

Gantner: Wir dachten, durch ein Loch öffnet sich etwas. Es wird aber diesmal nichts Begehbares. Die Besucher dürfen endlich mal wirklich nur Zuschauer sein. Im Hof gibt es Essen und Trinken. Das wird ganz super.

21er Haus, Performance 4. bis 9.6.; Ausstellung bis 29.9.


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