Fragen Sie Frau Andrea

Die zufällige Aufwartung von Unerwartetem

Kolumnen | aus FALTER 23/13 vom 05.06.2013

Liebe Frau Andrea,

schon wieder in die Haare gekriegt wegen eines Wortes. Die einen in unserer abendlichen Runde behaupteten steif und fest, ein einzigartiger Zufall, der alles ändert, heiße fachgerecht Synchronicity, die anderen meinten, das richtige Wort sei Sirenedity. Was ist jetzt bitte richtig?

Eva Possanner, Leopoldstadt

Liebe Eva,

Synchronicity, deutsch Synchronizität, ist die Erfahrung des zeitlichen Zusammentreffens mehrerer Ereignisse, die nicht kausal verknüpft sind, jedoch als zusammengehörig und sinnvoll miteinander verbunden gedeutet werden. Der Begriff wurde vom Schweizer Psychiater und Psychologen Carl Gustav Jung eingeführt. Sirenedity existiert nur in der Vorstellung Ihrer Freunde, gibt uns aber einen Hinweis auf den gesuchten Begriff.

Die zufällige, überraschende, weitreichende und scharfsinnig erkannte Entdeckung wird mit dem Kunstwort Serendipity bezeichnet. Beispiele für dieses Prinzip sind die Entdeckung des Penicillins, der Röntgenstrahlung, die Erfindung von Post-it, Teflon und LSD. Auch der Klettverschluss und die Entdeckung Amerikas fanden im Rahmen von Serendipity statt. Die Autorenschaft am Neologismus wird dem britischen Autor Horace Walpole, IV. Earl of Orford (1717-97) zugesprochen. In einem Brief an einen Freund schildert er ausführlich die Entstehungsgeschichte des Begriffes. Er bezieht sich auf das orientalische Märchen der "Drei Prinzen von Serendip“, die, abenteuerlich durch die Fremde reisend, am laufenden Band Proben ihres Scharfsinns geben. Wichtige Ingredienzen von Serendipity seien accident (Zufall) und sagacity (Scharfsinn).

Für die weitere Verbreitung des Terminus sorgte der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton, der den Begriff in den wissenschaftlichen Diskurs einführte und 1958 "The Travels and Adventures of Serendipity“, ein Werk über die Rezeptionsgeschichte des Begriffs, verfasste, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde und schlagartig die Konjunktur Serendipitys als Allerwelts-Modewort auslöste. Die Geschichte der drei scharfsinnigen Prinzen wurde 1557 von einem Armenier in Venedig publiziert, als Vorlage diente das Epos des mittelalterlichen persischen Dichters Amir Khusrau. Mit Serendip bezeichneten Araber und Perser die heute als Ceylon und Sri Lanka bekannte Insel.

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige