Logbuch

Na, das gibt’s hier nicht

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 23/13 vom 05.06.2013

29.5. Die Liste der 1001 Gründe, warum ich lieber nicht ausgehen sollte, hat neues Fleisch auf die Knochen bekommen. Nicht dass sie nicht eh schon tüchtig befüllt ist, aber. Nr. 203: Weil man fröhliche Geburtstagspartys mit peinlichen Geschenken und schlechter Stimmung vergiftet und die Jubilare gleich mit, wie Schorsch Kamerun bestätigen kann. Nr. 312: Weil Leute, die einen eben noch zum Geburtstag eingeladen haben, nachher spürbar auf Distanz gehen. Nr. 216: Weil man Sichtungen hat, die einen unvermutet und unnötig verstören. Nr. 4: Weil es einem danach nicht einen Tag schlecht geht, sondern drei.

30.5., 10.54 Uhr. Apropos Fleisch. Die Mimis simsen aus der Schule, dass sie beschlossen haben, aber sofort Vegetarierinnen zu sein, versuchsweise bis Ferienbeginn. Man smst zurück, dass man, gut!, diesen Entschluss respektiere. War ja eh schon lang damit zu rechnen. Allerdings muss man den Mimis leider mitteilen, dass der lange Vater abendessenstechnisch schon alle Zutaten für Wiener Schnitzel besorgt habe, aber bereit sei, auf gebratenen Reis umzudisponieren.

11.01 Uhr. Die Mimis simsen aus der Schule, dass sie beschlossen haben, ab morgen Vegetarierinnen zu sein. Das unterstütze ich. Allerdings nur während der Woche. Irgendwann, also am Wochenende, müssen schließlich die 15 Kilo Galloway/Angus-Ochse verzehrt werden, die sich unseres praktisch gesamten Tiefkühlvolumens bemächtigt haben. Der Ochse hatte ein fantastisches Leben auf saftigen oberösterreichischen Wiesen und schmeckt auch so, den lasse ich mir nicht wegmoralisieren. Zudem passiert es einem derzeit immer wieder, dass es im Waldviertel, wo einen auf jedem Weg Rehe und manchmal gar Wildschweine erschrecken, jetzt mitunter tatsächlich Wildfleisch zu kaufen gibt. Bisher haben einen die regionalen Fachbetriebsmitarbeiterinnen auf Nachfrage stets mit großen, ungläubigen Augen angeschaut. Was wollen Sie, ein Wild?? Naa, das gibt’s hier nicht. (Oder, noch bizarrer: Ein Hendl wollen Sie? Hernsna, wir sind eine Fleischhauerei, so was führen wir nicht.)

Hendl gab’s wenigstens im Bauernladen, aber ein Wild? Na. Jetzt auf einmal: Rehschlögel, Wildschweinbraten, derlei. Allerdings immer nur kurz, weil der Lange und der Horwath alles, das ihnen unterkommt, sofort zusammenkaufen. Erstens: endlich Wild! Zweitens steckt tief in ihnen so eine Urangst, es könnte irgendwann das Fleisch ausgehen / ihnen weggenommen / vom Gesundheitswahn oder dem Gewissen der Frauen und Kinder vermiest / generell verboten werden. Was weiß ich.

3.6., 12.20 Uhr. Ich dagegen lese während des Essens gerne im Internet, wie unfassbar gesund das ist, was ich gerade esse. Karotten? Gut für praktisch alles. Brokkoli? DAS Wundergemüse. Dinkel? Das geilste Getreide überhaupt! Na eben. Vermutlich existiert auch für diese Form der Essstörung ein Fachausdruck, und ich will ihn gar nicht kennen.

Doris Knecht unterstützt das voll und ganz


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige