Tiere

Nacktheiten

Falters Zoo | aus FALTER 23/13 vom 05.06.2013

Haben Sie sich auch schon mal über den Naturburschenspruch "Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung“ geärgert? Natürlich gibt es schlechtes Wetter, und dieses Wetter ist vor allem dann besonders saumäßig schlecht, wenn man als freischaffender Zoologe eine Exkursion zum Thema "Insektenwelt im Sommer“ organisiert hat. Dann steht man mit seiner superduperatmungsaktiven Naturführerregenjacke zwar leidlich trocken, aber ebenso einsam wie unbezahlt im strömenden Regen und hat ausreichend Zeit, über solche Sinnsprüche nachzudenken.

Selbst wenn man den Führungsschwerpunkt auf andere Tiergruppen wie Vögel oder Säugetiere verlagert, bleibt man bei schlechtem Wetter allein auf weiter Flur. Mein allen Wetterkapriolen trotzendes Führungsangebot "Augewässer durchtauchen“ wurde zwar gut besucht, aber da die meisten Teilnehmer entweder im Schlamm stecken blieben oder im Schilf verlorengingen, war die sehr kleine Gruppe an so speziell interessierten Menschen nach dem ersten Mal bereits erloschen. Außerdem wird man von kräftig gebauten Nationalpark-Rangern mit leichten Stockhieben zum Verlassen der Auwaldtümpel eingeladen.

Die Lösung sind Schnecken. Für den Kleingärtner reimt sich Schnecken auf Schrecken, aber das gilt nicht für tierfreundliche Exkursionen bei feuchtem Wetter. Ein Paradies für den Weichtierfreund, überall kommen sie einem auf ihrer Schleimspur entgegengekrochen. Wer einmal ohne Angst um seine Radieschen und Salatpflanzen die bunte Schönheit nackter wie behauster Schnecken entdecken kann, der erspart sich den Gartentherapeuten. Mit Glück und etwas Ausdauer kann man jetzt noch bis Ende Juni das feinfühlige Liebesspiel der Weinbergschnecken beobachten. Mit aneinandergelegten Fußsohlen wiegen sich die Partner sanft hin und her, während sie sich gegenseitig mit Lippen und Fühlern betasten. Dann stimulieren sie sich mit kleinen Kalknadeln (love darts) und injizieren so fruchtbarkeitsfördernde Hormone.

Bei diesem Vorspiel zur eigentlichen Paarung steigert sich zunehmend die sexuelle Erregung der Schnecken und nach circa 20 Stunden werden dann die verschlungenen Penes (doch, es sind Hermaphroditen und der lateinische Plural ist auch korrekt!) in einen der Partner eingeführt.

Und im Hintergrund fällt sacht der Sommerregen. Romantik für Fortgeschrittene.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com

Peter Iwaniewicz hält Schneckensex für den wahren feuchten Traum


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