Akzeptanz ist keine Lösung

Beim Queer-Film-Festival Identities geht die Frage um, wie man leben soll

JOACHIM SCHÄTZ | aus FALTER 23/13 vom 05.06.2013

Es wird von Aufständen gemunkelt, aber die Vorleserin von Marie Antoinette hat im Juli 1789 nur Augen für ihre Monarchin. Während der Hofhistoriker sich schon am Küchenwein vergeht, eilt Sidonie (Léa Seydoux) noch durch die leergeräumten Gänge, um der Königin (Diane Kruger) zu Diensten zu sein. Die ist aber einer anderen zugetan. Benoit Jacquots "Les Adieux à la Reine" ist einer der glamourösesten Filmen unter den zahlreichen Österreich-Premieren bei der 20-Jahre-Jubiläumsausgabe des Queer-Film-Festivals Identities -und einer besten. Nicht nur die letzten Tage des alten Regimes in Versailles werden hier mit der ungerührten Leichtigkeit eines Ferientagebuchs geschildert. Auch um die zwischen Dienerschaft und Damen zirkulierenden Sehnsüchte macht Jacquot nicht viele Worte, sondern fasst sie in flüssige Kamerabewegungen.

Queeres Begehren derart beiläufig zu erzählen wird Filmschaffenden auch heute noch nicht leicht gemacht: Als Ende Mai in Cannes erstmals eine homosexuelle Liebesgeschichte mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde - Abdellatif Kechiches "La vie d'Adèle", wieder mit Léa Seydoux -, musste Jury-Präsident Steven Spielberg gleich versichern, es handle sich nicht nur um ein frommes politisches Zeichen gegen die wütenden Anti-Homoehe-Proteste in Paris. Ähnlich ist auch manchen Filmen im Identities-Programm die Mühe anzumerken, die es kostet, zwischen eigenwilligen Tiefenbeobachtungen und einer notwendigen Ermächtigungsbotschaft zu balancieren: Die US-Jugenddramen "Pariah" und "Mosquito y Mari" sind etwa beide dann am stärksten, wenn sie die eingeübten Konfliktdramaturgien um intolerante Eltern und Freunde auf Armeslänge halten und sich lieber in selten gezeigten Stadtvierteln, Bars und Jugendzimmern umschauen.

Ähnlich lässt sich im diesjährigen Programm eine Reihe von Spielfilmen ausmachen, die das Drama nicht in Coming-out und offener Diskriminierung finden, sondern im Alltag des Zueinanderfindens und Miteinanderlebens. Furore auf Festivals machte bereits Andrew Haighs hübscher Liebesfilm "Weekend" von 2011: Was als One-Night-Stand zwischen dem stillen Russell und dem konfrontativen Glen beginnt, wächst binnen Tagen - und unter dem Zeitdruck einer nahen Abreise - zur vertrackten Romanze. In diesem mattgefärbten, sanft stilisierten Film schaut sogar London wie eine leicht verschlafene Provinzstadt aus. Ähnlich eng fokussiert, aber mit mehr Freude an Wohnzimmer-Theatereinlagen erzählt Axel Ranisch in seinem 517-Euro-Spektakel "Dicke Mädchen" von der Attraktion zwischen einem Bankangestelltem und dem Pfleger seiner Mutter. Sogar der allzu geschmackvolle Kostümfilm "Albert Nobbs", mit dem das Festival eröffnet, interessiert sich weniger für die drohende soziale Ächtung der Titelfigur - eine Frau (Glenn Close), die als Butler ihr Geld verdient - als für die heimlichen queeren Nischen, die im viktorianischen Großbritannien existierten.

Keiner dieser Filme ist schöner als Ira Sachs' geheimnisvolle Beziehungschronik "Keep the Lights On": Filmemacher Erik (inwendig: Thure Lindhardt) zieht mit seinem Liebhaber, dem Anwalt Paul, zusammen. Der hat ein Drogenproblem und taucht immer wieder ab, was auch Lücken in die Filmhandlung schlägt. Zwischen Szenen klaffen manchmal Jahre, und das helle, irreale Licht lässt das Geschehen wirken wie hinter einem Schleier. Seine autobiografische Erzählung aus der New Yorker Bohème unterlegt Sachs mit Hinweisen auf schwule Stadtikonen: Als Filmmusik laufen ätherische Songbasteleien des Pop-Tausendsassas Arthur Russell, Erik arbeitet an einem Film über den wiederentdeckten Fotokünstler und Szenechronisten Avery Willard (1919-1993).

Zu historischen Rückblicken gibt auch Identities Gelegenheit: Marlon Riggs' Essayfilm "Tongues Untied" (1989), seinerzeit ein Skandalwerk, führt pointiert die verfahrene Lage afroamerikanischer Schwuler zwischen weiß dominierter Gay und homophober Black Culture vor. Und die aktuelle Doku "Detlef - 60 Jahre schwul"(Regie: Stefan Westerwelle und Jan Rothstein) birgt erstaunliches Material zur Geschichte der deutschen Schwulenbewegung: An der Biografie des Bielefelder Aktivisten Detlef Stoffel wird nicht nur die Nähe der Schwulen- zur Ökobewegung greifbar - Stoffel wurde Ende der 1970er zum deutschen Bioladen-Pionier -, sondern auch ihre internen Richtungskämpfe und Bruchlinie. Unversöhnt ist Stoffel noch in der Gegenwart, mit dem Altern wie mit der gegenwärtigen Politik der Akzeptanz. In Super-8-Filmen aus den 1970ern ist zu sehen, wie er durch die Straßen Bielefelds streift. Statt um Toleranz geht es dort um Verunsicherung. Fragt ein aufgebrachter Passant: "Willst du vielleicht die gesamte Menschheit schwul machen?" - "Das wär schon mal ein Anfang."

Gartenbau, Filmcasino, Top Kino, 6. bis 16.6.


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