Theater Kritik

Schnitzler im Büro: Die Seele ist ein weißer Hai

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 23/13 vom 05.06.2013

Genia und Friedrich lieben einander wieder, oder aber: Sie kommen nicht voneinander los. Bevor sie zu dieser Erkenntnis gelangen, haben beide diverse Affären, für zwei von Genias Verehrern enden diese letal - Selbstmord und Tod im Duell. Diese Grundkonstellation in "Das weite Land" von Arthur Schnitzler bleibt auch in dem Theaterexperiment von Alexander Pschill in einem Architekturbüro in der Gumpendorfer Straße 65 unangetastet. Bis dorthin ist es aber nicht nur ein weiter, sondern auch ein bisweilen mühsamer Weg. Das liegt weniger am durchwegs tollen, großteils sehr jungen Ensemble (Carola Pojer als Genia etwa spielte unlängst noch im Vestibül der "Jungen Burg"), sondern an den Umarbeitungen im Stück durch Pschill und Kaja Dymnicki.

So wird statt Tennis hier eben Tischtennis gespielt, der Suizid-Pianist Korsakow, mit dessen Begräbnis die ganze Geschichte beginnt, tanzt und steppt als geisterhafte Mahnung immer wieder durch den Abend, und statt einer Umbaupause wird das Publikum an der Minibar vorbei zum zweiten Spielraum geschleust. Man fährt auch nicht mehr ins Gebirge zur Erholung, sondern auf "die Inseln", hauptsächlich, weil die Produktion eine seltsame Vorliebe für den Film "Der weiße Hai" hegt; völlig unprovoziert werden daraus Szenen zitiert. Das gibt dem Ganzen etwas Zerfranstes und erinnert an so manche Pollesch-Inszenierung. Eine interessante Wendung kommt aber nach dem Duell: Genia Hofreiter scheint der Tod des Liebhabers (als Marinefähnrich protzt Johannes Huth) durch die Hand ihres Gatten Friedrich (Ljubiša Lupo Grujčić, sonst Josefstadt und Kammerspiele) richtiggehend zu erregen. Sie nennt ihn zwar "Mörder", verschlingt ihn dann aber nicht nur mit Blicken. Gerade für diese Szene lohnt es sich, bis zum Ende auszuharren.

Architekturbüro, Di 19.30 (bis 25.6.)


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