Film Neu im Kino

Dystopie "The Purge": wen die Mittelklassen hassen

Lexikon | Drehli Robnik | aus FALTER 24/13 vom 12.06.2013

Ethan Hawke, derzeit auch in "Before Midnight" mit Frau, Kindern und Selbstreflexionsbedarf im Kinoeinsatz, erscheint hier in einer anderen Art von Sonnenuntergangserwartung und Sicherheitsskepsis: In "The Purge -Die Säuberung" spielt er einen Familienvater, der immer weniger überzeugt ist von den Worten, mit denen er seinen Lieben die Abschottung im Besserverdiener-Vorstadthaus schönredet.

James DeMonacos dystopischer Problemthriller schöpft seine Prämisse effektiv aus: Das titelgebende Ritual verheißt anno 2022 "a nation reborn" im Zeichen sozial stabilisierender Reinigung von Gewaltneigungen; einmal im Jahr ist in den USA eine Nacht lang jedes Verbrechen an Mitmenschen legal. Anders als in "Die Tribute von Panem" sieht die Welt hier aus wie unser heutiger Abschottungsalltag, und der Spielzweck, besitzenden Klassen den Spaß am Hass zu lassen und schutzlosen Armen eine reinzusemmeln, tritt hier allmählich und als moralische Zwickmühle hervor: Drinnen im verrammelten Haus ein schwarzer Obdachloser auf der Flucht, draußen der Lynchmob weißer Collegekids in Clubsakkos und kultiviertem Dauergrinsen mit und ohne Maske.

Ob der Flüchtling selbst Gewalt anwendet, ob die Belagerten ihn preisgeben, das sei nicht preisgegeben; ebenso wenig die Wendungen in Haltung und Handlung, die der Film nimmt, wenn Ehefrau (Lena Headey), Kinder und Nachbarn eingreifen. 13 Std. Home-Front-Drama sind in 85 Minuten untergebracht, um merklich wenig Geld, aber mit viel Gusto an sozialen Fragen, die mit Gewalt im abgedunkelten Raum stehen. Als konsequente history of violence schneidet "The Purge" auch sarkastisch an, wie zusammengelebt werden soll, wenn fertiggesäubert ist. Als Actionlektion über leiblich-seelische Folgekosten von Entsolidarisierung empfohlen für den Schuleinsatz - und auch sonst.

Ab Fr in den Kinos (OF im Artis)


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