Meinesgleichen

Walter Jens, Tod eines Rhetorikers

Falter & Meinung | aus FALTER 24/13 vom 12.06.2013

Warum müssen wir in einer österreichischen Zeitung einen Nachruf auf einen, im Urteil mancher den deutschen Nachkriegsintellektuellen lesen? Weil er einen Typus darstellte, der bei uns allzu selten vorkam und vorkommt. Jens war Rhetoriker. In alten Sprachen gebildet, hielt er den Lehrstuhl für Rhetorik in Tübingen und begründete das monumentale, von Gerd Ueding herausgegebene "Historische Wörterbuch der Rhetorik“ mit. In Uedings Worten ist Rhetorik "das neben der Philosophie wichtigste, differenzierteste und wirkungsmächtigste Bildungssystem der europäischen Kulturgeschichte“ - aus der Rhetorik entwickelten sich die meisten universitären Wissensdisziplinen, mit Rhetorik fing alles an.

Seit der Neuzeit wurde es stiller und stiller um sie, nicht nur der Erfindung des Buchdrucks wegen. Nein, "in einer hochgradig artifiziellen Umweltwirklichkeit ist Rhetorik so wenig wahrzunehmen, weil sie schon allgegenwärtig ist“, erklärt der Philosoph Hans Blumenberg. Walter Jens machte die Rhetorik nicht nur als akademische Disziplin wieder sichtbar. Er prägte als exemplarischer Redner der jungen Bundesrepublik jene Kultur der öffentlichen Auseinandersetzung mit, die uns aus der Ferne mitunter auf die Nerven geht, die uns aber fehlt und die wir bewundern. Eine Tücke des Schicksals schlug Jens, den beredtesten Bundesrepublikaner, mit Alzheimer, sodass er die letzten Jahre seines Lebens verstummte. Vergangenen Montag starb Walter Jens im Alter von 90 Jahren in Tübingen.


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