Fragen Sie Frau Andrea

Noch ein Neologismus: Tschapulisation jetzt!

Kolumnen | aus FALTER 24/13 vom 12.06.2013

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

auf Facebook zirkuliert ein mir bisher unbekannter Begriff, der sich "Tschapullieren“ schreibt. Das sei eine Handlung, die die Demokratie einen Schritt weiterentwickeln soll, indem die Regierungen friedlich und humorvoll daran erinnert werden, warum es sie eigentlich gibt. Höre das zum ersten Mal. Hab ich da was versäumt?

Laura Ebenholt, Wieden, per Smalt

Liebe Laura,

das seltsame Zeitwort ist ein hochaktueller Neologismus, der dieser Tage durch soziale Netzwerke gespült wird. Tschapullieren, richtiger tschapulieren, besser chapulieren, çapulieren ist das seltene Beispiel eines Geusen- oder Trotzwortes. Damit bezeichnen die Linguisten ursprünglich pejorativ gebrauchte Bezeichnungen wie Yankee, Queer und Tschusch, die von den so Stigmatisierten positiv umgedeutet wurden. Geusen, niederländisch geuzen nach dem französischen Wort gueux für Bettler, nannten sich die niederländischen Freiheitskämpfer während des Achtzigjährigen Krieges (1568-1648).

Eine sehr ähnliche Melioration erfährt gerade das türkische Wort çapulcu. Der Begriff ist abgeleitet vom türkischen çapul (Raubzug, Plünderung) und bekommt durch das Suffix -cu die Bedeutung berufsmäßiger Plünderer, Marodeur. Mit çapulcu, in deutschsprachigen Medien etwas holprig mit Terrorist übersetzt, bezeichnete der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan die Teilnehmer von Protesten gegen seine Regierung, die im gewaltsam aufgelösten Widerstand gegen ein geplantes Bauprojekt am Istanbuler Gezi-Park ihren Ausgang genommen hatten. Ähnlich den Parolen "Occupy Gezi“ und "Resistanbul“ hat der Begriff eine angelsächsische Aufladung erfahren. So nannte sich der US-amerikanische Linguist und Politaktivist Noam Chomsky öffentlich mit der Selbstbezeichnung der Istanbuler Demonstranten Çapulcu. Die englische Verbalform soll vom Graffiti "Everyday I’m çapuling“ stammen und durch eine Hip-Hop-Version des Smash-Hits "Everyday I’m Hustlin’“ multipliziert worden sein. Der Begriff marschiert gerade mit Hashtags wie #çapuling, #capuling, #chappuling, #everydayimcapuling, #everydayimçapuling durch Twitter.

Das Bureau für etymologische Genauigkeit empfiehlt für den Alltagsgebrauch in unseren Breiten die Version chapulieren oder çapulieren.


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