Enthusiasmuskolumne  

Zum Wein darf Wien ganz kurz Venedig sein

Diesmal: die schönste Pop-up-Bar der Welt der Woche

Feuilleton | Barbara Tóth | aus FALTER 25/13 vom 19.06.2013

Schön war das Geschäft mit der Adresse Bauernmarkt 1 auch schon, als dort noch Kleider die Hauptrolle spielten. Die alte Aufschrift "sterngasse light“ ist immer noch da, aber hinter den großzügigen Schaufenstern sieht man jetzt Weinflaschen, historische Plakate der Biennale, jede Menge Möbelstücke mit Patina, bisweilen auch eine Holzsteige mit italienischem Gemüse. Und dazwischen: arty people beim Trinken, Plaudern und Tanzen. "Filiale“ heißt das Ganze jetzt.

Das Geschäft, das einmal die sterngasse light war, ist seit 10. Juni der bewusst doppeldeutigen Eigendefinition der Betreiber zufolge eine "Art Dependance“ des Österreichischen Biennale-Pavillons. Bis zum 27. Juni noch, dann schließt sie wieder. Die Scheu, sie zu betreten, weil es nach Vernissage oder Privatfeier aussieht, sollte man also schnell ablegen (siehe Seite 49).

Viel zu essen und trinken gibt es nicht, selbstgemachte Ciccheti etwa, kleine Häppchen, wie man sie in venezianischen Bars bekommt. Oder Weine vom Bio-Weingut Lenikus. Statt zu zahlen, spendet man - das lässt sich im Rahmen der Wiener Gewerbeordnung wohl nicht anders handhaben. Gesessen wird auf den schönen Möbeln der Vintagerie, dem Edeltandler für modernistische Möbel aus der Nelkengasse in Wien-Mariahilf. All das gibt es woanders auch, aber da muss man sich nicht erst in eine Vereinsliste eintragen, bevor man an der Bar bestellt. Und wo sonst läuft man auf die Toilette kleinen weißen Bodenpfeilen nach durch einen romantischen Pawlatschen-Innenhof und findet am Ende unter anderem neben der Kloschüssel das einsamste Waschbecken der Stadt?

Nirgendwo sonst in Wien lässt sich derzeit die Flüchtigkeit eines heißen Sommerabends besser feiern als an diesem wunderbar schrägen Ort, der bald wieder Geschichte sein wird.


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