Logbuch

Okay, das habe ich jetzt nicht bedacht

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 25/13 vom 19.06.2013

Doris Knecht macht einmal ein paar Fotos

9.6., 17.34 Uhr. Die L. ruft an: Sie hat eine große, schöne Kinderschaukel, leider musste der schöne, große Baum, an dem sie hing, gefällt werden, haben wir vielleicht Interesse? Oh ja, wir haben, und ich biete Abholung an, aber die L. will bringen, gerne, das sei kein Problem. Ernsthaft? Ja, am Dienstag? Gut.

10.6., 19.47 Uhr. Das Bringen ist doch ein Problem, es ist was mit dem Auto. Ich kann holen!

11.6., 11.42 Uhr. Die L. ruft an, das Auto ging jetzt doch, ich soll hinunterkommen, die Schaukel ist so groß. Sie hat ihren wunderhübschen, einjährigen Sohn auf der Hüfte picken, während sie mir die Vorderseite des Autos zeigt; da schau. Auweia: Ein bekannter österreichischer Kabarettist hat dem Auto vorne den rechten Kotflügel komplett abrasiert. Es sieht übel aus. Die L. erklärt mir, dass sie erwäge, den Kabarettisten zu verklagen. Dafür habe ich Verständnis, sage ich, aber würde das nicht euer Familienklima zu stark belasten?

11.58 Uhr. Der schöne Sohn des Kabarettisten krabbelt in meiner Schreibwerkstatt herum, während die L. und ich auf der Yogamatte sitzen und Rosé-Sekt trinken. Der Bub hält das für leckeren Himbeersaft und will auch. Das ist normal, allerdings will er immer noch, nachdem ihn seine Mutter zur Abschreckung hat kosten lassen, ja, er ist ganz narrisch darauf. Ja, hallo. Das Kind kann halt sein Genmaterial nicht verleugnen. Ich mache ein paar Fotos, zur späteren Erbauung und Erinnerung.

12.22 Uhr. Alle haben Hunger, wir gehen essen. Wenn ich mich für den Rest meines Lebens auf eine einzige Speise beschränken müsste, dann wäre das vietnamesische Suppe, die könnte ich immer essen, also schlage ich aus reinem, widerwärtigem Eigennutz das Neulerchenfelder Saigon vor. Wir waren früher mit den Mimis hin und wieder dort, es gibt Aquarien mit lustigen Fischen, und man ist sehr freundlich zu Kindern und verständnisvoll zu ihren Eltern. Es gibt dort allerdings jetzt auch, was ich jetzt nicht bedacht habe, einen unfassbaren Zimmerbrunnen, der knapp über dem Fußboden beginnt und sich dann favelaförmig eine Wand hochzieht. Ein Einjähriger, wenn man ihn nicht sofort an einem Sessel festbindet, ist sehr schnell, und wenn seine vertratschten Begleitpersonen ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen, muss das arme Kind nachher pflitschpfludernass seine Suppe im Restaurant verteilen, den Extrateller auf den Boden werfen und den Porzellanlöffel hinterher. Ich habe vergessen und verdrängt, dass man mit Einjährigen nicht essen gehen will. Jetzt weiß ich es wieder.

13.28 Uhr. Die L. sagt, dass sie mir dieses Restaurant nie verzeihen wird, während sie den Wagen mit dem nassen Kind zum kaputten Auto schiebt.

14.15 Uhr. SMS von L.: "Das Kind hustet.“ Am besten gefällt mir das Foto, wo L. voller Mutterstolz ihren schönen, torkelnden Einjährigen betrachtet. Ich maile das dann einmal dem Kabarettisten.


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