Tiere

Sag feig!

Falters Zoo | aus FALTER 25/13 vom 19.06.2013

Peter Iwaniewicz hält Übermut für ein wichtiges soziales Initiationsritual

Nur mal zwischen uns gefragt: Sind Sie Philobat oder Oknophiler? Keine Angst, weder verrate ich Sie an die NSA, noch wäre es etwas Unanständiges. Die Begriffe stammen aus der Psychoanalyse und bezeichnen zwei konträre Menschentypen: Jene, die gerne Wagnisse eingehen und dies genießen (griech.: phílos = Freund, und akrobátes = der auf den äußersten Zehenspitzen geht), und jene, die lieber Schutz suchen (griech.: okneo = zögern, sich anklammern).

Der beginnende Sommer bietet viele und wunderbare Gelegenheiten, seine charakterliche Orientierung auszuloten. Leider hat sich das Initiationsritual der "Mutprobe“ seit einigen Jahren ins Internet verlegt und statt aufgeschrammten Knien und Hausarrest hat man als Jugendlicher nun eher Stress, weil man beim Onlinespiel World of Warcraft verbotene Waffen benutzt und Sex mit einem digitalen Troll gehabt hat. Dieser Mangel an Einschätzung realer Gefahren führt dazu, dass man als Twenty-something vor seinen Buddies damit prötzelt, vom Hotelbalkon in den Pool springen zu können. Und dann auf Beton landet. Falls Sie der Sommerlangeweile entgehen wollen, kann ich Ihnen eine ausgewählte Liste zur Überwindung perfider Tierängste anbieten. Bei vielen Mutproben steht die Angst vor Schmerz und möglicher Verletzung im Vordergrund. Eine Auswahl in aufsteigender Reihenfolge auf der fünfteiligen Biologenmutskala:

1. Über eine Kuhweide gehen, ohne vor den näherrückenden Muttertieren zu fliehen. Tipp: Im Fall einer Stampede empfiehlt Karl May mit baumartig hochgehaltenen Armen stehenzubleiben.

2. Mistkäfer in der Faust festhalten. Tipp: keine Bissgefahr, aber dank ihrer "Rammform“ werden diese Insekten auch zwischen fest zusammengepressten Fingern hervorkommen.

3. Eine Spinne in den Hemdsärmel krabbeln lassen und warten, bis sie beim Hemdkragen wieder herauskommt. Tipp: Nur drei seltene Spinnenarten können unsere Haut durchbeißen.

4. Anzahl ausgehaltener Gelsenstiche. Tipp: Am besten abends in den Marchauen nach ausreichendem Sport nur mit einer Badehose bekleidet am Ufer sitzen und circa 1500 Anflüge pro Minute erwarten.

5. Schlangen mit der Hand fangen. Tipp: Giftschlangen zeigen nur zwei Bisslöcher, ein halbkreisförmiger Zahnabdruck weist auf giftlose Arten hin.

Nächstes Mal: Mutproben mit Rausch, Scham oder Ekel.

Diesen Mittwoch tritt unser Kolumnist mit "Trost & Rat unplugged“ beim Tschauner auf (19 Uhr)

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige