Authentische Popstars vor der Kameralinse: auf Augenhöhe mit Mick, Jimi und Aretha

Lexikon | Nicole Scheyerer | aus FALTER 25/13 vom 19.06.2013

Eine bessere Porträtfotografin hätte sich Paul McCartney nicht wünschen können: Wenig überraschend ist es sein Gesicht, das einem in der Schau der 1998 verstorbenen Linda McCartney am häufigsten begegnet. Die Ausstellung im Kunsthaus Wien zeigt Paul als inspirierten Songwriter ebenso wie als enthusiastischen Vater. Die Fotografin hatte aber weit mehr drauf, als nur ihren Mann abzulichten.

Die 1941 geborene Linda Eastman wuchs als Tochter einen jüdischen Anwalts in New York auf. Mit Ehrgeiz und einer Portion Glück gelang es der Autodidaktin 1966, die einzigen Aufnahmen der Rolling Stones bei der Promotionparty auf einer Yacht zum Album "Aftermath" zu schießen. Sie war also bereits recht erfolgreich, als sie Paul 1967 bei einem Auftrag in London kennenlernte.

Jimi Hendrix in sich selbst versunken, die ernste Aretha Franklin mit Federboa oder Frank Zappa hinter Zigarettenrauch: Auch wenn McCartney keinen genuinen Stil kreierte, so beweisen ihre Porträtfotos viel Sensibilität für jene authentischen Momente, die ein Bild überzeugend machen. Zum Küssen etwa die Beatles auf jenen Bildern von 1969, die sie ganz selig beim Komponieren zeigen. Das überschattete Verhältnis zu Yoko Ono wird indes an den beiden Fotos deutlich, die von Onos Gesicht nur dunkle Augen zeigen.

Der zweite Teil der Schau wartet mit stärker komponierten Bildern auf. Die privaten Aufnahmen führen auf die Familienranch nach Arizona, wo Linda ihre Lieben mit der Kamera einfing. Die SW-Aufnahme "Paul and Mary" hält den nackten Vater mit Baby fest. Etliche Bilder zeigen die vier Kinder beim Blödeln, so auch eine witzige Polaroid-Serie, die leider nur als C-Prints präsentiert wird.

In der "kritischen" Ecke der Schau hängen Fotos von Arbeitern aus den frühen 1980ern sowie Bilder von toten Lämmern, die die Tierschützerin gar nicht so ekelhaft fotografierte. Aus dem Auto entstanden gelungene Schnappschüsse im Stil der street photography. Später experimentierte McCartney mit Techniken aus der Zeit der Fotopioniere, wie etwa Pflanzenbilder in Blaudruck. Nur mit Lindas Pferdefotos hätte die Schau etwas sparen sollen.

Kunsthaus Wien, bis 6.10.


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