Kunst Kritik

Den Sprüngen der Synapsen auf der Spur

Lexikon | aus FALTER 25/13 vom 19.06.2013

Rudolf Steiner hat es vorgemacht: Wenn der Begründer der Anthroposophie einen Vortrag hielt, dann veranschaulichte er seine Gedanken mit abstrakten Zeichen auf der Tafel. Während diese Wandtafelzeichnungen aus den 1920er-Jahren derzeit auf der Biennale in Venedig ausgestellt werden, wimmelt es auch in der Personale von Nikolaus Gansterer im Kunsttraum Niederösterreich von Kreidegrafiken. Eine große Tafel am Beginn der Ausstellung, die mit verschwommenen Kreise und Linien bedeckt ist, erinnert an Sternbilder und Kosmologien. Die Arbeit heißt "Denkfigur #13/23" und führt gleich in medias res, denn der 1974 geborene Künstler beschäftigt sich vor allem damit, wie geistige Prozesse visualisiert werden.

Als "Labor" soll dementsprechend die von einer pseudowissenschaftlichen Hermetik geprägte Schau "When thought becomes matter and matter turns into thought" funktionieren. Es wimmelt dort von rhizomatischen Strukturen, Modellen in der Art molekularer Forschung und Zeichnungen, die mal an Pantoffeltierchen, mal an die Höhenlinien von Landkarten denken lassen.

Auch Begriffe tauchen bei den Installationen auf Tischen, Videos und Papierarbeiten auf. Wenn sich Gansterer der Hinterglasmalerei bedient, kommt das "Große Glas" von Marcel Duchamp in den Sinn. Dessen Darstellungen gingen aber stärker in Richtung Maschine, während bei Gansterer einen das Organische anspringt. Viel wurde publiziert zu dem Thema, wie viel Intuition auch naturwissenschaftliches Denken prägt. Will er in diesen freien Raum ausbreiten, wo noch keine Zielrichtung der Gedanken entschieden ist? Seine Gebilde aus gebogenen Stäben wie "Theoriegehäuse I: Memoirs of the Blind" bleiben vollständig offen, für Interpretation ebenso wie für die materielle Erweiterung. NS

Kunstraum Niederösterreich, bis 27.7.


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