Ins Mark  Der Kommentar zur steirischen Woche

Neutral ist hier niemand

Steiermark | aus FALTER 26/13 vom 26.06.2013

Wer sich zum Gendern in der deutschen Sprache öffentlich äußert, schließt meist mit dem Hinweis, dass es eigentlich eh um etwas ganz anderes geht: um mehr Respekt, bessere Jobs und gerechtere Löhne für Frauen. Das tat letzte Woche auch Roland Reischl, Chefredakteur der Grazer Woche, um die Coverstory zu avisieren: Der Sprachwissenschaftler Rudolf Muhr von der Uni Graz hat eine Idee, wie man sich aus dem Dickicht der Binnen-Is, der Schrägstriche und Verdopplungen befreien könnte.

In linguistischen Studien wäre herauszuarbeiten, wie ein Plural aussehen könnte, der geschlechtsneutral ist und niemanden benachteiligt. Man möge dann "KünstlerInnen“ künftig vielleicht als "Künstlere“ oder "Künstleras“ bezeichnen. Muhr hat jedenfalls ein gutes Händchen dafür, wie man als Vertreter einer Universität das Fußvolk ein wenig aufscheucht. Einmal im Jahr etwa wählt eine Jury unter seiner Leitung das Wort und Unwort des Jahres, oder er stellt Forschungen dazu an, mit welchen Kosenamen sich Liebende umgangssprachlich titulieren.

Das ist durchaus anregend - Universitäten sehen sich ja oft der Kritik ausgesetzt, ihr Tagwerk nicht allgemein verständlich unter die Leute zu bringen. Nur sollten gerade Unis aufpassen, dass so ein Schuss nicht in die falsche Richtung losgeht. "Ein Grazer Wissenschaftler fordert das Ende des Genderwahns in der deutschen Sprache“ - so wurden Muhrs Überlegungen nämlich von Reischl recht reißerisch aufgejazzt. Auch das rechte Lager wird beizeiten sicher darauf zurückgreifen. Eher möchte man wissen, wie unser Bewusstsein geformt wird, wenn Sprache verändert wird. Und eines braucht die Genderdiskussion sowieso nicht - Neutralisierungen.

Tiz Schaffer ist Redakteur im Steiermark-Falter


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