Wenn die Leinwände wandern

Ab sofort bieten Wiens Open-Air-Kinos wieder Zuflucht für Cinephile und andere Ungeheuer

JOACHIM SCHÄTZ | aus FALTER 26/13 vom 26.06.2013

Was unterm Jahr die Filmfestivals leisten, das übernehmen im Sommer die Freiluftkinos: Belebung des Kinoprogramms durch Eventisierung. Wien wäre nicht Wien, würde die saisonale Belagerung von Plätzen und Parks durch mobile Leinwände dabei nicht einem alteingesessenen topografischen Protokoll folgen: Der Rathausplatz wird mit Opern-und Konzertmitschnitten beschallt und, nach Christkindlmarkt-Logik, von einer Schlemmermeile flankiert. Weiter am Rand, der Lage eines Multiplex vergleichbar (wenn auch in ungleich pittoreskerem Rahmen), wird im Schloss Neugebäude in Simmering das Kinoprogramm der vergangenen Saison nachgespielt, in deutscher Synchronfassung und mit bequemer Bestuhlung (kinoimschloss.at).

Zwischen Peripherie und Zentrum vagiert das Volxkino durch die Stadt. Mit ein wenig urbanistischer Fantasie lässt sich aus der Programmierung manches über das Imaginäre der beteiligten Bezirke lernen: Michael Haneke sitzt (heuer mit "Amour") bis auf weiteres in der Josefstadt, in Ottakring kommen Kindheitsdrama mit Migrationshintergrund (Hüseyin Tabaks "Deine Schönheit ist nichts wert") und Boheme-Ballade (Jan Ole Gersters "Oh Boy") zusammen (volxkino.at).

In der Arena, die im August auch ihr eigenes Sommerkino abhält, macht das Volxkino ebenfalls kurz Station. Kreise durch den Speckgürtel zieht das Grüne Wanderkino: Der Gastgarten eines Irish Pub in Bruck an der Leitha ist definitiv nicht der unpassendste Ort, um sich - hoffentlich bei adäquat schweißtreibender Witterung - Ulrich Seidls Vorstadtpanorama "Hundstage" anzuschauen (wanderkino.gruene.at).

Den Trumpf einer besonderen Lage beansprucht schließlich auch das "Kino am Dach" der Hauptbibliothek für sich. Das höchste Open-Air-Kino Wiens verkündet dieses Jahr unter dem Motto "Don't Panic" allerhand Frohbotschaften. Dass der Eröffnungsfilm "Silver Linings" heißt, mag aber genauso als frommer Wunsch ans Wetter verstanden sein: Auf den Silberstreif hinter jeder drohenden Regenwolken müssen nicht zuletzt die Freiluftkinoveranstalter hoffen (kinoamdach.at).

Während das "Kino am Dach" Aktuelles wie Historisches von DVD zeigt, leistet man sich andernorts den Luxus von Filmkopien: Unter dem Titel "Kino wie noch nie" zeigen Viennale und Filmarchiv wieder ein eklektisches Klassikerprogramm, in dem sich gelegentlich Bögen vom Stummfilm (G.W. Pabsts Psychoanalyse-Lehrfilm "Geheimnisse einer Seele") zur Kinogegenwart (David Cronenbergs Psychoanalyse-Drama "A Dangerous Method") ergeben. Spezialprogramme sind Christoph Waltz und dem im April verstorbenen spanischen Exploitation-Derwisch Jesús Franco gewidmet: Als "Jack the Ripper" (1976) wandelt Klaus Kinski durch Zürcher Gassen (kinowienochnie.at).

Einen Horrorschwerpunkt setzt auch das "Kino unter Sternen" am Karlsplatz, das bei freiem Eintritt mit einem ausführlichen Vorprogramm aufwartet. (Wer erst zum Film um halb zehn kommt, tut gut daran, den eigenen Hocker mitzubringen.) In der Reihe "Wolf Men" finden sich unter den Verfluchten und Vertriebenen nicht nur "Cat People" (1943) und Lon Chaney Jr. als Werwolf, sondern auch Robert Floreys surreal angeknackstes "Beast With Five Fingers" (1946, mit Peter Lorre). Unter dem Titel "Richtung Zukunft" werden österreichische Debütfilme seit den 1980ern gezeigt, darunter ein tolles, federleichtes Coming-of-Age-Doppel von 2001: Valeska Griesebachs "Mein Stern", mit Marie Kreutzers "Cappy Leit" als Vorfilm (kinountersternen.at). Richtung Zukunft schaut auch die Reihe "frame[o]ut" im Museumsquartier, wo -ein futuristischer Anblick beim Vorbeigehen -der Ton der Screenings per Funkkopfhörer übertragen wird. Der Eröffnungsfilm "Elektro Moskva" von Elena Tikhonova und Dominik Spritzendorfer geht dann gleich der Geschichte elektronischer Zukunftsmusiken zwischen Theremin und Synthesizer in der Sowjetunion nach. Ein zentrales Thema im heurigen Programm ist Architektur, zu sehen sind etwa raffinierte Gebäudeporträts von Lotte Schreiber und Sasha Pirker (frameout.at).

Der heimliche Star unter den Open-Air-Kinos sitzt, ein wenig verborgener, im Garten des Palais Schönborn: "Espressofilm" bietet bei freiem Eintritt jeden Donnerstag und Freitag einfallsreich kuratierte Kurzfilmprogramme mit Publikumsgesprächen im Anschluss. Heuer werden etwa die taiwanesische Filmemacherin She-wei Chou und die Filmschule Łódź (Abgänger: Andrzej Wada und Krzystof Kieślowski) vorgestellt. Der Schwerpunkt "Super.Cut" schließt spielerisch die Lücke zwischen Found-Footage-Experimentalkino und Internet-Mash-ups. Und weil der Stadtraum nicht nur Kino, sondern vor allem Schauplatz ist, bietet "Espressofilm" Workshops an: Aus Kaffeedosen werden dort funktionierende Fotokameras gebastelt, mit denen anschließend die Umgebung erkundet wird (espressofilm.at).


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