"Wir sind kein Friedensprojekt"

Das Duo Catch-Pop String-Strong geigt zum Auftakt des Festivals Glatt & Verkehrt

Lexikon | Interview: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 27/13 vom 03.07.2013

Wien ist die Homebase des Bratschen-Cello-Duos Catch-Pop String-Strong. Derzeit kommen die Serbin Jelena Popržan und die Kosovo-Albanerin Rina Kaçinari aber meist nur heim, um ihre Koffer umzupacken, so gefragt sind ihre Konzerte. Beim niederösterreichischen Weltmusikfestival Glatt & Verkehrt spielen sie dieses Wochenende im Rahmen des Vorprogramms in der Fesslhütte; als Gast ist die in südosteuropäischer Musik bewandte US-Sängerin Eva Salina Primack mit dabei. Das Hauptprogramm startet am 24. Juli.

Falter: Ihre Musik spannt einen Bogen von Klassik bis Punk, von Tango bis Ska.

Greifen da Begriffe wie World Music oder Folklore überhaupt?

Jelena Popržan: Unsere erste CD kam unter "World Music" heraus, weil das die größte Schublade ist. Da kann man viel hineinstecken. Unsere Konzerte sind auch als Pop bezeichnet worden, als Avantgarde-Crossover, Folklore, Klassik, Neue Weltund Volksmusik oder Balkan-Sound.

Rina Kaçinari: Keine dieser Bezeichnungen trifft ganz, aber vielleicht treffen alle ein bisschen zu.

Popržan: Es freut uns, dass wir die richtige Bezeichnung noch nicht gefunden haben. So bleibt es auch für uns spannend.

Sie sind beide klassisch ausgebildet. Haben Sie dem klassischen Konzertbetrieb mit Catch-Pop String-Strong bewusst den Rücken gekehrt?

Kaçinari: Darüber haben wir uns nie so richtig Gedanken gemacht, oder?

Popržan: Mir war schon ungefähr klar, was das werden soll. Ich wollte ein Projekt machen, das unabhängig von meiner klassischen Sozialisation und Ausbildung funktioniert. Catch-Pop String-Strong soll all das beinhalten, wozu ich vorher mit meinem Instrument keinen Zugang hatte. Mich hat klassische Musik interessiert, aber ich wollte nicht mein Leben lang in einem Orchester sitzen. Rina ging es ähnlich.

Kaçinari: Ich bin nach dem Studium in Maribor im Opernorchester gelandet. Man sitzt da meistens im Graben und sieht nicht, was auf der Bühne passiert. Mir wurde klar: Bis zur Pension stelle ich mir das nicht so vor.

Die Kombination Bratsche und Cello ist ungewöhnlich. Welche Begrenzungen gibt es?

Popržan: Die Instrumente sind natürlich begrenzt in ihrem Umfang, aber man kann jede Musikrichtung spielen.

Kaçinari: In der klassischen Musik gibt es für diese Kombination ganz wenig Repertoire. In der Neuen Musik würde man sicher etwas finden. Heutzutage schreiben die Leute ja schon für alle Kombinationen.

Falter: Bei Catch-Pop String-Strong stehen eine Serbin und eine Kosovo-Albanerin gemeinsam auf der Bühne. Ist das wichtig?

Popržan: Die Leute scheint es sehr zu interessieren, für uns war es nie so wichtig. Eine Bedeutung hat es vor allem für die, die in den jugoslawischen Kriegen viel Schlimmeres erlebt haben als wir, und hier, wo man diese Auseinandersetzungen mitbekommen hat. Für manche haben wir sicher Symbolcharakter. Aber wir sind kein Friedensprojekt.

Kaçinari: In einigen Ländern, in denen wir spielen, bin ich mir nicht sicher, ob das Publikum überhaupt weiß, woher wir kommen.

Sie wurden vom Außen- und Kulturministerium für das Programm The New Austrian Sound of Music 2012/13 ausgewählt. Sind Sie viel herumgekommen?

Popržan: Wir waren viel unterwegs und wir haben noch einiges vor uns.

Kaçinari: Alleine der letzte Monat war ein Wahnsinn: Wir waren in Amerika und Kanada, haben eine Serbien-Tour und bei einem Festival in Slowenien gespielt. Jetzt waren wir gerade in Graz, vorher in München und Braunschweig.

Sie reisen so viel wie Popstars!

Kaçinari: Ja, wobei ich nicht glaube, dass Beyoncé nach Braunschweig kommt.

Popržan: Es schaut so aus, als wären wir im Ausland gerade die Hauptvertreterinnen der österreichischen Musik. Ende August repräsentieren wir bei einem Festival in Usbekistan sogar die österreichische Volksmusik - eine Serbin und eine Kosovo-Albanerin!

Kaçinari: Ja, sicher. Wer denn sonst?

Falter: Wie sieht eigentlich Ihr Publikum aus?

Popržan: Zuerst hatten wir ein sehr herzliches Multikulti-Publikum. Dann kam das Klassik-Publikum, die eher bürgerliche Schicht also. In letzter Zeit habe ich auch vermehrt junge Leute gesehen, die sonst gern Rockmusik hören.

Kaçinari: Besonders schön fand ich die 80-jährige Oma im Burgtheater, die meinte, unsere CD sei die erste nichtklassische Musik, die sie in ihrem Leben kauft.

Fesslhütte (3601 Dürnstein, Dürnsteiner Waldhütten 23), Fr 18.00


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