Kritik

Die Miezen im Dienste des Zaren

Lexikon | aus FALTER 27/13 vom 03.07.2013

Die Eremitage in Sankt Petersburg hat nun eine besondere Galerie ihrer besten Mitarbeiter des Monats: Anna Jermolaewa fotografierte 40 Katzen, die in dem Museum die Nagetiere jagen. Ein Video führt hinab in den Keller und zu diversen anderen Orten des Zarenpalasts, wo die Miezen umgehen. Ein neben der Videoprojektion aufgehängter, handschriftlicher Text im Stil eines Schulaufsatzes erzählt die Geschichte der Tiere. Die Katzen von Leningrad wurden während der Hungersnot zur Zeit der Belagerung von 1941 bis 1944 ausgerottet, was eine enorme Rattenplage zur Folge hatte.

Wenn sich Jermolaewa historischen und sozialen Problemen widmet, dann geschieht auch das auf die humorvolle, leichtfüßige Art, die ihre Kunst so einmalig macht. Klingen bei ihrem Katzenprojekt die sowjetischen Ehrentafeln für Musterarbeiter an, so versammeln zwei Installationen Pokale auf einfachen Regalen. Den meist billigen Plastikauszeichnungen ist nicht anzusehen. ob sie für eine bedeutende Leistung verliehen wurden oder als Preis in einem Hobbywettbewerb.

Mit einem weiteren neuen Video führt die Künstlerin nach Havanna. Dort liefern Straßenhändler Brot, das die Käufer mit Seilzügen durch die Fenster in die Wohnungen befördern. Diese Rauf- und Runterbewegung begleitet Jermolaewas Kamera über zahllose Häuserfassaden, die die Künstlerin eindeutig mehr interessieren als die Protagonisten. In der Intention weniger deutlich bleibt das Video "Shopping with family": Es ist vergnüglich, der Künstlerin beim Anprobieren von Perücken zuzusehen, die ihre Verwandten kommentieren. Aber geht es nur um einen Rollenwechsel, oder braucht sie die Perücke wirklich? Wie so oft bei Jermolaewa, lauert im Spiel ein existenzieller Abgrund. NS

Kerstin Engholm Galerie, bis 3.8.


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