Kritik

Im Lichte verschlüsselter Elementarteilchen

Lexikon | aus FALTER 28/13 vom 10.07.2013

Seine Arbeiten sind so attraktiv wie sperrig. Wenn Cerith Wyn Evans zur Neonröhre greift, dann bleibt es garantiert nie beim schönen Schein. Stets werden verschlüsselte Botschaften, literarisch-philosophische Verweise oder Tonspuren gestreut, die sich einer vollständigen Decodierung entziehen. So auch in seiner Schau "The What If? ... Scenario (after LG)" bei TBA21 Augarten, die Arbeiten aus der Sammlung von Francesca Habsburg zeigt. Schon der Titel ist ein Insiderschmäh: Bei besagtem "LG" handelt es sich um den Kollegen Liam Gillick, von dem sich der Waliser den Titel einer früheren Ausstellung angeeignet hat.

Mit Gillick teilt der 55-jährige Konzeptkünstler das Denken in der Möglichkeitsform und einen Hang zum Kryptoliterarischen. Während Gillick aber selbst schreibt, holt sich Wyn Evans seine Texte von anderen.

So etwa für die aus Neon geformte Schrift-Installation "One evening late in the war ...", deren lila leuchtende Buchstaben an der Glaswand des Eingangsbereich sehr cool aussehen. Die Lektüre führt zu einer nächtlichen (Flirt?)Szene aus einem Gedicht von James Merrill und David Jackson. Den Vogel an Bedeutsamkeit schießt jedoch die neue, weiße Neonskulptur "A Community on The Basic Fact Nothing Really Matters" ab, die ihre Gestalt Verweisen auf das physikalische Elementarteilchen Higgs-Boson ebenso wie auf die chemische Formel von LSD verdankt. Wie wichtig ist es, diese Referenzen zu kennen? Im Gegensatz zu vieler anderer Light Art schwebt Wyn Evans' Kunst nie in Gefahr, wie bloßes Design zu wirken. Wenn er einen riesigen Murano-Luster Leuchtsignale im Morse-Alphabet senden lässt oder Lichtspiele zum Sound von Florian Hecker als "abstrakte Oper" inszeniert, dann verleiht er großen Gesten mit abstrakten (Über-)Setzungen zerebralen Anspruch. NS

TBA 21-Augarten; bis 4.1.


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