Tiere

Langeweile

Falters Zoo | aus FALTER 28/13 vom 10.07.2013

Jetzt ist sie wieder da, die Jahreszeit, in der mit der Seele gebaumelt werden kann. Oder soll. Oder muss. Dieses schöne Sprachbild stammt ursprünglich von Kurt Tucholsky, der sich 1926 über jene Norddeutschen mokierte, die sich während ihrer Sommerfrische in Österreich schon damals gerne als alpine Österreicher verkleideten: "Alles baumelte an ihnen, auch die Seele.“

Fünf Jahre später griff er dann in seiner Erzählung "Schloss Gripsholm“ die Metapher vom sommerlichen Durchhängen wieder auf: "Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.“ Dann kam der Krieg, danach der Wiederaufbau und mit ihm die Hochkonjunktur, also Zeiten, in denen jedwede Baumelei entweder Hochverrat oder Geldverschwendung bedeutete. Also duckte sich die Seele tief in die Almwiesen und wartete auf die Ölkrise.

Als man an den amtlich verordneten autofreien Tagen plötzlich wieder viel Zeit zum Baumeln hatte, erinnerte sich die Österreich-Werbung des Zitats, passte die bundesdeutsche Präposition der alpenländischen Grammatik an und schon war es erste Touristenpflicht: "In der Wiese liegen und mit der Seele baumeln.“

Ja, mit solchen Botschaften konnte man 1974 noch Urlauber anlocken. Heutzutage undenkbar: Gepflegte Langeweile als Freizeit-Höhepunkt. Langeweile gilt mittlerweile wie die Dronte als ausgestorben, da man doch jede inhaltsleere Minute zumindest auf seinem Smartphone herumdrücken und die Welt mit seiner Meinung erfreuen kann.

Doch wer dennoch auf Sommerwiesen herumliegt, der kann sie noch finden, die kreative Langeweile. Eine Gebrauchsanleitung: Schließen Sie die Augen und bleiben Sie zuerst einmal nur liegen. Unterdrücken Sie den Wunsch, sich überall zu kratzen. Nach anfänglichen Zecken-Panikattacken beginnen Sie zu hören, wie sich durch das Gras ein Tier ihrem Kopf nähert. Schätzen Sie die Größe. Wenn Sie glauben, das Tier ist ganz nahe, drehen Sie sich um und öffnen die Augen. Schauen Sie genauer. Sie werden ein maximal zwei Zentimeter großes Insekt erkennen. Bugsieren Sie es vorsichtig mit ihren Fingern und Grashalmen in ein mitgebrachtes leeres Glas. Atmen sie so lange vorsichtig hinein, bis das Insekt durch das Kohlendioxid langsamer wird. Beobachten Sie. Farbe, Strukturen, Körperteile. Lassen Sie das Tier wieder frei. Und ihre Seele wird baumeln.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com

Peter Iwaniewicz verweilt gerne und lange


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