Kritik

Träume hinter hohen Mauern: Kunst im Kittchen

Lexikon | aus FALTER 28/13 vom 10.07.2013

Der Gefängnisdirektor hätte ihr Projekt sehr befürwortet, erzählt die Künstlerin Rossella Biscotti im Katalog zu ihrer aktuellen Schau "The Side Room" in der Secession. Das Frauengefängnis auf der venezianischen Giudecca wäre an mehr sozialer Interaktion zur Vermeidung von Konflikten interessiert gewesen. Biscotti hat in Venedig, wo sie auf der diesjährigen Biennale vertreten ist, mit Insassinnen einen mehrmonatigen Workshop abgehalten. 14 Frauen kamen dafür regelmäßig zusammen und erzählten einander ihre nächtlichen Träume.

Zu ihrer Beschäftigung mit Gefängnissen kam die 1978 geborene und aktuell hoch im Kurs stehende italienische Künstlerin durch ihr Interesse an der Terrororganisation der Roten Brigaden. Ehemalige politische Häftlinge, die in den 1970er-Jahren inhaftiert wurden, haben ihr von einem damaligen geheimen Traum-Projekt erzählt.

Wenig politisch fällt hingegen aus, was Biscotti derzeit präsentiert: Mittels Audioinstallation sind die Träume zu hören, die Wände schmücken Porträts, die eine Insassin von den anderen Frauen gemacht hat, und in einer Vitrine finden sich Sitzpläne. Geht es um pure Repräsentation der Weggesperrten? Verbindungen zu den 1970er-Jahren fehlen jedenfalls und die Träume, die die Mitglieder des Secessionsvorstandes notiert haben, erfährt man nur aus dem Katalog.

Einen Altmeister der minimalistischen Installationskunst würdigt die Secession in ihrem Hauptsaal mit dem US-Künstler Robert Irwin. Er unterteilt den Saal mittels transparentem Stoff in eine weiße und eine schwarze Zone und schärft die Wahrnehmung durch echte und falsche Durchgänge. Im Keller der Secession greifen Collagen von Thomas Locher philosophische Texte zum Thema der "Gabe" auf, die er mit Medienbildern kombiniert. NS

Secession; bis 1.9.


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