Im Schutz der Maske: von der Protestkultur auf den Laufsteg und in die Ateliers

Lexikon | Nicole Scheyerer | aus FALTER 28/13 vom 10.07.2013

Alle Bildschirme zeigen verhüllte Gesichter: Auf der TV-Wand, die derzeit im Freiraum des Museumsquartiers flimmert, sind so unterschiedliche Vermummte wie die Aktivistinnen von Pussy Riot, der Popstar David Bowie oder die Antikapitalismuskämpfer der Occupy-Bewegung zu sehen. In Zeiten permanenter Überwachung und gewollter Selbstentblößung ist die Verhüllung wieder gefragt. So lautet die These der Ausstellung "Faceless", deren erster Teil nun läuft.

Der aus Serbien stammende Kurator Bogomir Doringer hat nicht nur Beispiele aus der Kunst, sondern auch aus Mode und Design dafür zusammengestellt. Seit 9/11 wäre eine Rückkehr der Maske zu orten, die dem Wunsch nach Schutz, Tarnung oder "bloßem Vergnügen" entspricht. Am Beginn der Schau steht die titelgebende Videoarbeit "Faceless" von Manu Luksch, für die die Künstlerin Originalaufnahmen aus Londoner Überwachungkameras bearbeitet hat. Lukschs fiktionaler Film zeigt gesichtslose Gestalten und handelt von einer Frau, die in einer entindividualisierten Welt plötzlich ihre Identität wiederfindet.

In der Lesart der Schau wird auch die Burka zu einem Symbol freiwilliger Vermummung. Die Künstlerin Tanja Ostojic wandelt auf ihrer Fotoserie "Integration Impossible" mit einer Burka in Tarnfarben durch die Straßen, Nezaket Ekici verschwindet im Video "Gravity" unter zahllosen Kopftuchschichten, und Sharam Entekabi übermalt britische Prostituiertenwerbung mit Burkas.

Aus der Mode kommen Beispiele wie die Helme, die Viktor &Rolf ihren Models aufgesetzt haben, oder die glamourösen Glitzermasken aus dem Maison Margiela, die auch Stars lieben. In puncto Glamour punkten auch die All-over-Kostüme von Mustafa Sabbagh.

Auf Gay-Kontaktseiten im Internet zählt nicht das schöne Gesicht, sondern die Größe des besten Stücks, wie Frank Schallmaiers Schnappschusscollage von Penissen zeigt. Direkt auf Facebook geht Eva-Maria Raab ein, die das blaue Symbolfoto des sozialen Netzwerks für ein Buch verwendet. Personen aus aller Welt mailten Raab Profilaufnahmen, die nun wie im Scherenschnitt zu sehen sind.

Freiraum/MQ; bis 1.9.


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