"Sie hat mich nie geküsst"

Bei den O-Tönen liest Josef Winkler aus seinem jüngsten Buch, das der Mutt er gewidmet ist

Lexikon | Interview: Klaus Nüchtern | aus FALTER 28/13 vom 10.07.2013

Beim alljährlichen Open-Air-Lesefest O-Töne im Museumsquartier (11.7. bis 29.8.) tritt neben acht weiteren Autoren und Autorinnen auch der Kärntner Büchnerpreisträger Josef Winkler auf. Die Neuerscheinungen des Bücherherbstes werden im August vorgestellt: von Norbert Gstrein, David Schalko und Thomas Glavinic.

Falter: Sie werden den ersten Teil aus "Mutter und der Bleistift" lesen. Warum haben Sie den ausgewählt?

Josef Winkler: Weil es eine durchgehende und -komponierte Geschichte ist, wo ich während des Lesens in den richtigen Rhythmus komme: Es wird rasant, und am Schluss werden die Leute mit einem Ilse-Aichinger-Zitat entlassen und kriegen eine Gänsehaut.

Üben Sie das Lesen?

Winkler: Nein. Wichtig ist allerdings, dass ich mehrere Stunden vor der Lesung nichts esse. Ich brauche für diesen Text ja nicht nur meine Kehle und Zunge, sondern das geht vom Bauch aus über den Brustkorb. Es ist ein bisschen wie bei der Dhrupad, der Urform der klassischen indischen Musik, die ich so gerne höre: Die Sänger benutzen da auch nicht nur ihr Goldkehlchen.

Schon einen Satz mit 179 Wörtern zu schreiben ist eine sportliche Leistung!

Winkler: Ich weiß, manchmal sind meine Sätze zu verzweigt, aber ich versuche, nicht zu schwindeln. Ich schau schon drauf, dass das Gerüst der Grammatik stimmt und dass nichts an den Haaren herbeigezogen wird.

Wie schreiben Sie denn?

Winkler: Ich habe mit 14 Jahren das 10-Finger-System erlernt und benutze die Tastatur wie ein Klavier.

Und wenn Sie unterwegs sind?

Winkler: Schreib' ich mit Füllfeder. In der Nationalbibliothek liegen auch über 80 vollgeschriebene Notizbücher von mir - 15.000 bis 20.000 Seiten.

Machen Sie eigentlich Urlaub, wenn Sie nach Indien, nach Mexiko oder sonst wohin fahren?

Winkler: Nein, Urlaub in dem Sinne könnte ich dort gar nicht machen, weil ich auf jeden Fall Füllfeder und Notizbuch bei mir haben und alles, was ich sehe, festhalten muss. Ich merk mir ja überhaupt nichts. Wenn Sie mich jetzt fragen würden, was ich letztes Jahr in Pune gesehen oder erlebt habe, könnte ich nicht einmal eine Seite darüber schreiben.

Ist Ihrer Familie nicht fad, wenn Sie dauernd schreiben?

Winkler: Ein gewisses Opfer bringt sie schon. Aber ich denk mir: Wenn man ihnen nicht mehr antut

Jahrelang haben Sie über Ihren Vater geschrieben, nun kommt endlich auch die Mutter dran. Wieso erst jetzt?

Winkler: Im Gegensatz zum Vater ist die Mutter, die immer gut, nett und zart war, eine undankbare literarische Figur. Am Vater konnte ich mich abarbeiten, aber die Mutter lässt das nicht zu.

Sie beschreiben sie als "unnahbar"?

Winkler: Ich habe schon gewusst, dass sie mich mag, aber sie hat mich in meinem ganzen Kinderleben nicht ein einziges mal umarmt oder geküsst oder mir gesagt: Ich hab dich gern. Wir sind dann aber doch ein Pärchen geworden, als mein jüngster Bruder als Nachzügler auf die Welt kam und ich, der körperlich nicht so robust war wie meine Brüder, auf ihn aufgepasst habe. Ich habe das Neugeborene dem Alten abspenstig gemacht und war der eigentliche Vater. Vielleicht wurzelt darin auch unser Konflikt?!

Ihre Mutter hat Sie aber einmal auch ordentlich verdroschen?!?

Winkler: Ja, wie sonst nie in meinem Leben. Ich glaube, sie war damals auch sexuell frustriert.

Ihre anderen Untaten hat sie aber stillschweigend übergangen?

Winkler: Die hat schon mehr kapiert, als ich mir damals denken konnte. Sie muss doch ein sehr vornehmer Mensch gewesen sein.

Man ist frappiert, wie genau Sie sich an Szenen aus der Kindheit erinnern. Oder hatten Sie Aufzeichnungen?

Winkler: Überhaupt nicht. Aber wenn die Kindheit beim Schreiben genauso schwer wird wie damals, dann hat man das Gefühl und die Atmosphäre getroffen. Wie wir wissen, schreib ich ja immer denselben Stuss. Den schlepp ich halt mit mir mit. Wenn man einer Katze eine Blechdose an den Schwanz bindet, dann ist das Geschepper der Inhalt. Das Vornehme, das ich suche, ist der Stil - manchmal gelingt's mir, manchmal weniger.

Josef Winkler liest am 18.7. nach Barbara Aschenwald (20.30) im Haupthof des Museumquartiers. Sein Buch "Mutt er und der Bleistift"(90 S., € 15,40) ist im Suhrkamp Verlag erschienen


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