Neu im Kino

Halle Berry hört Signale, speichert alle: "The Call"

Lexikon | Dr. Robnik | aus FALTER 28/13 vom 10.07.2013

Von den vier Filmemachern im heutigen Mainstream, die Anderson heißen, ist Brad Anderson der durchgängig dem dunklen Spannungskino zugeneigte. In seltsamen Thrillern wie "Der Maschinist","Transsiberian" oder "Herrschaft der Schatten" kostete er beengte Situationen aus; "The Call - Leg nicht auf" ist ein Entführungsdrama: Ein im Autokofferraum verschlepptes Mädchen sendet Hilfssignale und hält Handykontakt mit einer Notruftelefonistin (Halle Berry), die von ihrer Ohnmachtserfahrung in einem früheren Fall traumatisiert ist.

Auch der Kidnapper leidet seelisch, bastelt fetischistisch am Idealbild und Whiteness-Altar seiner verlorenen Schwester; im Autoradio läuft Synthiepop, später, wenn er die Entführte im Verlies als Friseur traktiert, "Karma Chameleon". Da erinnert einiges ans "Schweigen der Lämmer", ohne je dessen Thrill- und Sozialdiagnostiklevel zu erreichen. Doch es gibt Suspense und Ideen in Sachen Kofferraumdramatik, ergo verdient Anderson eine zweite Chance - einzulösen vielleicht erst mit seiner nächsten Arbeit. Einlösen einer zweiten Chance:

Das schwingt groß mit in diesem an Mehrdeutigkeit reichen Hollywoodfilm. Mehr noch als "Lincoln" ist "The Call" ein Film zum Beginn von Obamas zweiter Amtszeit. Auch für Berry in ihrem War-Room-artigen Kontrollzentrum, im Kreis anderer African Americans in Uniform, geht es darum, ein rhetorisch brillantes Schutzund Hilfsversprechen diesmal nicht zu brechen. Ohnmachtstrauma im moralischen Fokus, eine US-Fahne als Signalgeber und "Do it!"-Ikone, das lässt Rasterfahndung und Dauerüberwachung als ersehnte Rettung erscheinen und legitimiert ein Selbstjustizfinale: Der Böse wird in seinem Verlies dem Verhungern preisgegeben. Naja.

Ohne Gerichtsbeschluss überwachen und Leute bis zum Versauern einsperren - das ist dann doch eher weit hergeholt.

Ab Fr in den Kinos (OF im Artis)


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