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Bücher, kurz besprochen

Politik | Gerlinde Pölsler | aus FALTER 29/13 vom 17.07.2013

Gestrandetes Elend am Mittelmeer

Lampedusa, das ist jene italienische Insel, die 120 Kilometer vor der Küste Nordafrikas liegt, aber mehr als 200 Kilometer von Sizilien entfernt ist. Tausende von Flüchtlingen landen hier, oft schon dem Tod nah; Ungezählte kommen vorher im Meer um. Nachdem 2008 fast 36.000 Menschen auf der Insel ankamen, wollte der Luxemburger Ethnologe Gilles Reckinger wissen: Wie lebt es sich so abgeschnitten von der Welt? Wie gehen die 5700 Einwohner damit um, dass gerade ihr Eiland zum Brennpunkt der "Festung Europa“ geworden ist?

Zutage kam Erstaunliches: etwa, dass viele "Lampedusani“ solidarisch mit den Bootsflüchtlingen sind, weil sie wie diese dem Meer ausgeliefert sind. Wie die "Illegalen“ fühlen auch sie, die von den paar Monaten Tourismus im Jahr leben müssen, sich vom Staat, von Europa im Stich gelassen. So erklärt sich auch, dass bei einer Kundgebung Inselbewohner und Flüchtlinge Schulter an Schulter marschierten. Andererseits waren viele aber auch froh, als in Folge eines Abkommens mit Gaddafi die Flüchtlinge ausblieben - auch wenn dies für viele den Tod bedeutete.

Manchmal verliert der Autor sich in Details über die Lampedusani, zuweilen wertet er stark. Man erfährt aber Überraschendes - und Deprimierendes: Ein Gutteil der Frauen etwa, die es bis nach Europa schafften, war auf seiner Odyssee sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

Gilles Reckinger: Lampedusa. Begegnungen am Rande Europas. Hammer, 228 S., € 20,50


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