Wieder gelesen 

Bücher, entstaubt

Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 29/13 vom 17.07.2013

Raub im Namen der Freiheit

Wer wird eigentlich Bandit? Oder besser gefragt: Wer kommt von Litauen nach Österreich, um einen Juwelier zu überfallen und dabei zu sterben? Der Historiker Eric Hobsbawm, der vergangenes Jahr mit 95 Jahren gestorben ist, hat ein Buch über Banditen geschrieben. Hobsbawm nannte dieses Werk stets sein Lieblingswerk. Auf jeder Seite kokettiert er mit dem Charme des Räuberlebens, das er als Ausdruck des Freiheitskampfes der Geknechteten betrachtet.

Hobsbawm schreibt: "Banditentum bedeutet Freiheit, doch können in einer bäuerlichen Gesellschaft nur wenige frei sein, während die meisten an doppelte Ketten gefesselt sind, die sich gegenseitig noch verstärken: Herrschaft und Arbeit.“ Wenn man aus diesem Satz das Wort "bäuerlich“ streicht, behält er auch für alle Prekären des 21. Jahrhunderts Gültigkeit.

Natürlich lässt es sich im akademischen Elfenbeinturm leicht mit Raub und Diebstahl kokettieren, überfallen, angeschossen und umgebracht werden andere. Aber das ändert nichts an Hobsbawms Wahrheit, dass Raubkriminalität auch ein gesellschaftliches Phänomen ist. Klar, nicht jeder Arme wird zum Räuber, aber "wo eine relativ geringe Nachfrage nach Arbeitskräften besteht oder wo die Bodenressourcen dermaßen kärglich sind, dass nicht alle arbeitsfähigen Männer Beschäftigung finden können, eröffnet sich die erste und vermutlich wichtigste Quelle der Banditenrekrutierung.“ Wer könnte dem Historiker widersprechen?

Eric Hobsbawm: Die Banditen. Hanser, 239 S., € 20,50


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