Tiere

Lochstreifen

Falters Zoo | aus FALTER 29/13 vom 17.07.2013

Peter Iwaniewicz vermisst dramatische Geschichten von Liebe und Tod

Euch wird das Lochen noch vergehen, verfluchte ein erzürnter Lochgott die Medienbranche und lässt die News auch in den Sommermonaten satt fließen: NSA-Abhöraffäre, Skandale im Jugendstrafvollzug, England im Royal-Baby-Rausch und vieles mehr. Leider nicht geil! Wo bleibt denn heuer das über jeden Breaking-News-Hype erhabene Sommerloch? Diese schöne, neue Tradition des medialen Fastens, die seit Jahren mit einer Tiergeschichte abgefeiert wird: Letzten Sommer wurde ein imaginäres Krokodil von einer Soko Kroko in der Drau gejagt, 2011 streifte die Kuh Yvonne wild und frei durch bayrische Wälder, davor gab es Killerwels Kuno, die in ein Tretboot verliebte Schwanendame Petra, das Zottelschaf Shrek und Problembär Bruno. Ja, das waren noch ordentliche Löcher, die zeitlose Geschichten von Liebe und Tod, Verdammnis und Erlösung erzählten.

Doch heuer? Nichts außer einem autolackzerkratzenden Storch im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Und diese Story staubt wie alte Semmeln. Schon Elvis Presley klagte über einen Pfau, der in seinem Privatzoo in Graceland den Lack seines schwarzen 1960er-Rolls-Royce zerstörte, weil der Vogel sein Spiegelbild für einen Konkurrenten hielt. Wer zu übertriebener Autohygiene neigt, muss eben damit rechnen.

Also, wo bleiben die guten Sommerloch-Geschichten? Gerade im alpinen Österreich gibt es eine bewährte Tradition, jede Vergrämung von Touristen durch Weidevieh, ähh ... auszuschlachten: "Deutscher Urlauber von Kuh über Almweide gejagt“, da blitzt das Leben in seiner alltäglichen und xenophoben Dramatik hervor.

Vielleicht liegt es an der neumodisch hingelochten Bezeichnung für eine ureuropäische Saison, die eigentlich und seit jeher Saure-Gurken-Zeit heißt. Der Niederländer spricht von komkommertijd, in Tschechien kennt man das Phänomen als okurková sezóna und selbst der Este ist mit der hapukurgihooaeg vertraut. Die ursprüngliche Bezeichnung für eine eher winterliche Jahreszeit, in der es wenig zu essen gab und man auf eingelegte Gurken zurückgreifen musste, hat sich in den Sommer verschoben, den man heutzutage ohne tägliche mordsmäßige Berichterstattung überstehen muss.

Erbarme dich, großer Lochgott, und schicke uns die natürlichen Feinde dieser Zeit: die Grüne Gurkenlaus, den Entenhausener Gurkenmurkser und die Parlamentsferien.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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