Fotografie Kritik

Visuelle Revolution der schrägen Ansichten

Lexikon | Ns | aus FALTER 29/13 vom 17.07.2013

Lang zieht sich der Leichenzug durch den Schnee, während die Figur Lenins gen Himmel fährt. Oben angekommen lacht sein Konterfei noch einmal eher spöttisch als gütig auf die schwarzen Massen herab. Die Collage "Lenins Begräbnis" von Alexander Rodtschenko ist Teil der Retrospektive aus dem Moskauer Haus der Fotografie, die derzeit bei WestLicht gezeigt wird. Ursprünglich Maler, war Rodtschenko der erste russische Künstler, der die Collage verwendete. Wie seine mit viel Verve gestalteten Buchcovers am Ausstellungsbeginn verdeutlichen, kam der Konstruktivist über das Schnippeln zur Fotomontage und dann erst zur eigentlichen Fotografie.

Das Poster der Schau schmückt Rodtschenkos tolle Aufnahme einer rufenden Frau, dem die Künstlerin Lilja Brik auf einem Plakat des Staatsverlags sogar noch mehr Dynamik verlieh. Ab den 1920er-Jahren sollte die Kunst der Gesellschaft dienen, auch Rodtschenko identifizierte sich mit dem proklamierten Ende der Kunst und dem sogenannten "Produktivismus". Das hielt ihn aber nicht von Formexperimenten ab: Unter dem Motto des "neuen Sehens", das -allerdings unpolitisch -auch beim deutschen Bauhaus en vogue war, radikalisierte der visuelle Revolutionär die Blickwinkel. Extreme Frosch-und Vogelperspektiven wandte er auf die neue sowjetische Architektur ebenso wie auf die jungen Kommunisten an. Seine Porträts von Pionieren rücken extrem nah heran und fangen etwa einen Trompetenspieler schwindelerregend schräg ein.

Rodtschenkos Fotokunst lebt von der Orientierung an diagonalen Bildachsen, wie es etwa in seinem Mutter-Kind-Foto "Stufen" oder beim "Das Mädchen mit der Leica" so wunderbar glückte. In seiner Aufnahme "Menschen versammeln sich zur Demonstration" stürzt der Blick förmlich auf die Leute, die auf den Balkonen und der Straße stehen.

WestLicht, bis 25.8.


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