"Man greift auf, was da ist"

Die Modefotografin Elfie Semotan zeigt in der Kunsthalle Krems ihre künstlerische Qualität

Lexikon | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 29/13 vom 17.07.2013

Die Wiener Fotografin Elfie Semotan ist mehr als eine Auftragskünstlerin. Zwar arbeitet sie für Werbeagenturen und Modezeitschriften, ihre Bilder weisen aber ein hohes Maß an gestalterischer Unabhängigkeit auf. Bereits in ihren Bildserien für den Modedesigner Helmut Lang in den 1990er-Jahren engagierte sie Freunde und Freundinnen als Laienmodelle, ein Bruch mit den ästhetischen Normen der Fashion-Fotografie. Semotan sucht die Nähe zur zeitgenössischen Kunst, indem sie Werke von Künstlerinnen wie Vanessa Beecroft zitiert. Seit über einem Jahrzehnt tritt sie auch als Ausstellungskünstlerin in Erscheinung.

Dabei inszeniert sie ihre Werke wie in einer Kunstinstallation, indem sie durch Format und Sujet einen Bezug zur räumlichen Umgebung herstellt. Dadurch bekommen die oft in kommerziellen Kontexten entstandenen Werke eine andere Bedeutung. So hängte sie etwa bei ihrer Ausstellung von 2003 im barocken Wiener Heiligenkreuzerhof das Bild eines Models in Sichtweite zur Hauskapelle, was dem Mädchen einen andächtigen Ausdruck verlieh.

Die Kunsthalle Krems zeigt nun in einer Retrospektive 160 Werke aus 30 Serien. Zu sehen sind Landschafts-, Modeund Aktfotografien, ebenso wie Porträts, Stillleben und konzeptuelle Arbeiten. Am Beginn der Ausstellung stehen konstruktivistisch anmutende Landschaftsfotografien. Die Ende der 1970er-Jahre entstandenen, erstmals präsentierten Fotografien zeigen Strukturen wie Gitter, Zäune und Astwerk, die die Fotografin als Elemente von Bildkompositionen benutzte.

Semotans Modefotografien, die seit Mitte der 1980er in Magazinen wie Vogue, Harper 's Bazaar oder Vanity Fair erscheinen, kennzeichnet ihr theatraler Charakter. Lichtatmosphären und der Ausdruck der dargestellten Personen fangen die Dramatik eines Augenblicks ein. "Was ich erzähle, sind häufig die Geschichten jener Menschen, die ich fotografiere. Es ist mir immer wichtig, mich nicht davon abbringen zu lassen, mit einem menschlichen Anspruch zu fotografieren," sagt die Künstlerin, die heute zwischen Wohnsitzen in Wien, New York und Jennersdorf pendelt.

Semotan versteht sich nicht als genialische Erfinderin neuer Bilder, sondern als eine Fotografin, die auf bereits Vorhandenes zurückgreift. So beschäftigte sie sich in einer Bildserie mit den romantischen Frauenbildern der englischen Präraffaeliten. "Ich finde das kindisch, wenn ein Modedesigner behauptet, er würde etwas erfinden. Man erfindet die Mode nicht neu. Sie ist etwas, das sich mit sozialen Situationen verändert. Deswegen glaube ich, dass man Mode auch nur weiterentwickeln kann, indem man gewisse Sachen aufgreift, die bereits da sind. In der Fotografie ist es ähnlich: Da nimmt man auch auf, reduziert oder fügt hinzu."

Schon das erste von Semotan an ein Magazin verkaufte Foto war ein Bild über ein Bild. Es wurde im Münchner Jugendmagazin Twen publiziert und zeigt eine junge Frau, die von Kriminalbeamten abgeführt wird und auf deren Unterarm mehrere Uhren zu sehen sind. "Ich erinnerte mich an die russischen Soldaten nach dem Krieg, die ebenfalls mit mehreren Armbanduhren herumliefen, und habe die Szene dann rekonstruiert."

Mit 14 ging die aus einem kleine Ort in Oberösterreich stammende Künstlerin an die Modeschule Hetzendorf. Und packte nach bestandener Matura die Koffer, um in eine ihr völlig unbekannte Großstadt aufzubrechen: "Eine Freundin war in Paris. Ich fuhr hin, suchte mir eine Wohnung und rief alle Haute-Couture-Firmen an, um zu fragen, ob sie jemanden zum Vorführen brauchen. Die haben gleich gesagt: Ja, ja, kommen Sie -und haben mich genommen."

Semotan führte die Metallkleider von Paco Rabanne vor, hörte Platten von Serge Gainsbourg und Jane Birkin, las die Romane von FranÇois Sagan. 1969 kehrte sie nach Wien zurück und begann ihre Karriere als Fotografin. In erster Ehe war sie mit dem Maler Kurt Kocherscheidt (1943-1992) zusammen; 1996 heiratete sie den deutschen Maler Martin Kippenberger, der ein Jahr später starb.

Elfie Semotan war jahrzehntelang in der Kunstszene zuhause und machte Porträts berühmter Kollegen und Kolleginnen wie Franz West oder Maria Lassnig. Auch hier versucht sie, verkrustete Oberflächen aufzulösen. "Jeder, der posiert, zeigt eigentlich das Bild von sich, das er in seinem eigenen Spiegel sieht. Ich versuche diese Haltung aufzubrechen", sagt die Fotografin.

Semotans Künstlerporträts bilden mit den während der Shootings entstehenden Atelierstillleben eine Einheit, die alltägliche Einblicke in das intime Umfeld der Künstler schaffen und von Semotan als "erweiterte Porträtaufnahmen" definiert werden. Einige davon sind nun in Krems zu sehen.

Kunsthalle Krems, bis 6.10.


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