Kritik

Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

Lexikon | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Die Künstlerexistenz im Wien der 1970er-Jahre muss eine gemütliche Angelegenheit gewesen sein. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck bei Friedl Kubelkas "Tagesporträt Franz West", bei dem sie den Künstler am 13. Oktober 1976 im Viertelstundentakt festhielt. Der 29-jährige Herumhänger im Pyjama, mit Passstück in Mamas Zahnarztpraxis, beim Zeichnen, Notieren oder in der Badewanne - die Fotografin und der Porträtierte teilen eine lakonische Art von Humor. Dieses großartige Dokument aus einer Zeit, als West von Berühmtheit noch Lichtjahre entfernt war, hängt derzeit in der Schau "Die 70er Jahre. Expansion der Wiener Kunst" im Musa.

Was die öffentliche Hand in dieser Dekade angekauft hat, besticht nicht gerade durch hohe Qualität, auch die zu dichte Hängung der Schau macht wenig glücklich. Die Ausstellungsschwerpunkte thematisieren das aufgewertete Medium Fotografie oder die feministische Kunst in jener Zeit. Zu den Entdeckungen zählt etwa eine Polaroidserie mit dem nackten Hans Weigand, der seinen Körper formal zerstückelte. Oder die Collage "Steak" von Ernst Caramelle, der sich darin Gedanken über die US-Kunst macht, mit der er sich ab 1972 am MIT in Massachusetts auseinandersetzte. Valie Export baute 1970 am Gehsteig vor einer Wiener Galerie eine Installation aus rußgeschwärzten Steinen und Fototableaus auf. Ein Video zeigt den Ablauf des Performance-Projekts "Kontext - Variationen: Zustandsveränderungen - Bedeutungsveränderungen", das den Transfer von der Wiese in den Kunstkontext thematisiert. Leider fällt die Abteilung "Neue Medien" schwach aus, da hält die Sammlung offenbar wenig bereit. Die feministische Kunst war oft brachial mit dem Hammer unterwegs, wie Lotte Hendrich-Hassmanns plakative Assemblage "Die drei K: Küche, Kinder Kirche (Was Frauen unterdrückt)". NS

Musa, bis 4.1.


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