Kritik

Der Phallus auf Messers Schneide

Lexikon | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Sein Name ist aus der heimischen Bildhauerei nach 1945 nicht wegzudenken, seine Handschrift geläufig und doch bleibt Bruno Gironcolis Kunst bis heute unverstanden, weil kaum einzuordnen. Nachdem die letzte Museumsschau schon 16 Jahre zurückliegt, hat das Belvedere nun einen Anlauf gestartet, den 2010 verstorbenen Solitär mit internationalen Positionen zusammenzuspannen. Die von Kuratorin Bettina Busse ambitioniert gestaltete Schau "Gironcoli: Context" kreist das wenig bekannte Frühwerk des Künstlers ein und zeigt zwischen 1965 und 1979 entstandene Installationen.

Der Existenzialismus und die Schmerzmetaphorik, die die Kunst ab 1968 geprägt haben, sprechen auch aus Gironcolis Anfängen. In der Gegenüberstellung von Plastiken und Performance-Videos von Größen wie Joseph Beuys, Bruce Nauman oder Louise Bourgeois filtert die Ausstellung inhaltliche und formale Gemeinsamkeiten heraus, was überraschend gut funktioniert. Naumans auf einem Mobile kreisende Fuchskadaver aus Holz treffen auf die ausgestopften Hunde von Gironcolis albtraumhafter Anordnung voller Phalli von 1970/72. Des Künstlers zwiegespaltenes Verhältnis zur Sexualität kann auch aus dem klingenscharfen Penetrationsakt in seiner "Großen Messingfigur" gefolgert werden. Sie wird von den Aktionsfotos von Rudolf Schwarzkoglers "Hochzeit" und der unheimlichen Bronzeskulptur "Arched Figure" ohne Kopf und Arme von Louise Bourgeois flankiert.

Der unter psychischer Hochspannung körperlich ausagierende Mensch, der in Naumans Performances begegnet, versetzt Gironcolis technoide Anordnungen unter Strom. Symbolisch aufgeladene Requisiten wie Beuys' "Eurasienstab" oder die Fetischspiele von Jürgen Klauke öffnen interpretatorische Türen. Empfehlung! NS

Belvedere Orangerie, bis 27.10.


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