Bücher, kurz besprochen

Gelesen

Politik | Sebastian Huber | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Der Soziologe als Terrorist

Öfter mal das Handy ausschalten. Auf Demonstrationen gehen. Im Netz nach Begriffen wie "Gentrifizierung" suchen. Dieses Verhalten reicht dem deutschen Bundeskriminalamt aus, um jemanden präventiv zu überwachen, schwer bewaffnet seine Wohnung zu stürmen und ihn als "Mitglied einer terroristischen Vereinigung" in Untersuchungshaft zu stecken. Was absurd klingt, ist 2007 dem Berliner Sozialwissenschaftler Andrej Holm passiert. Erst Wochen später stellte sich heraus: Holm ist doch kein linksextremer Terrorist. Trotzdem wurde er noch bis 2010 überwacht. Warum derartige Eingriffe in die persönliche Freiheit überhaupt möglich sind, beschreibt Marita Neher in ihrem Buch "Albtraum Sicherheit".

Nehers Recherche zeigt: Andrej Holm ist kein Einzelfall. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde die Einhaltung der Menschenrechte zunehmend relativiert. Auch die Trennung zwischen Polizei und Geheimdienst, die in Deutschland seit 1949 Gesetz war, wurde immer mehr aufgeweicht. Ursprünglich sollte die strikte Trennung eine Machtkonzentration wie durch die gefürchtete Gestapo in der NS-Zeit verhindern. Die Stärke der Buchs liegt darin, dass Neher den historischen und juristischen Hintergründen ein Gesicht gibt. Ihre Protagonisten sind nicht bloß stumme Kollateralschäden der Sicherheitspolitik, sondern kommen auch selbst zu Wort.

Marita Neher: Albtraum Sicherheit. Fischer, 240 S., € 15,50


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige