Neu im Kino

Überbordende Ambivalenz: "La grande Bellezza"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Jep Gambardella ist 65, Journalist in der Kunstszene und Teil der High Society Roms. Mit 25 Jahren hat er einen Roman geschrieben, dem kein Werk folgte. Er schrieb nichts mehr, da er "die große Schönheit", die er suchte, nicht fand. Paolo Sorrentinos "La grande Bellezza" folgt diesem Mann, hervorragend verkörpert von Toni Servillo, bei seinen Streifzügen durch Rom, seinen Begegnungen mit unzähligen Menschen, dem Besuch ungezählter Partys.

Mit Worten ist diese an Arbeiten Federico Fellinis angelehnte Sammlung von Alltäglichkeiten der Oberschicht, von Einblicken in Lebensgeschichten, bedeutungslosen Oberflächlichkeiten, Geheimnissen und kleinen Wundern schwer zu erfassen. "La grande Bellezza" entzieht sich einer klaren Zuschreibung, bedingt durch inhaltliche Ambivalenz: Jedes Thema, jeder Standpunkt, den die unglaubliche Szenenvielfalt des Films ausleuchtet, wird hin und her gewendet, ins Gegenteil verkehrt und schließlich offengelassen. Alles ist lächerlich und todernst, der Verachtung wie verzweifelt gesuchter Gemeinschaft preisgegeben, leer und bis zum Rand mit Leben gefüllt. Als wollten die Figuren vor sich selbst, vor den anderen und den Zusehern ihre nagenden Zweifel wie zerbrechlichen Hoffnungen verbergen, die gleichzeitig aus allen Nähten hervorplatzen. So ist Jep Zyniker und Romantiker, Menschenfeind und sensibler Künstler, vergnügungssüchtig und übersättigt in einem. Er gibt sich gleichgültig und sucht insgeheim nach wie vor nach "der großen Schönheit".

Verbunden mit wunderschönen Kulissen und einem wuchtigen Soundtrack ist "La grande Bellezza" ein überbordendes und faszinierendes Werk, das das Publikum schlussendlich auf das eigene Leben, die eigene Ambivalenz zurückwirft.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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