Stadtrand

Ode an die Wiener Stadtwildnis

Urbanismuskolumne

Stadtleben | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Wildnis ist in. Je wilder, desto inner. Damit sei aber keineswegs rüpelhaftes Verhalten oder ungewaschene Haare und Hände gemeint, sondern der Wildwuchs auf der Wiese: Stadtwildnis nennen die Wiener Gärtner diese ungemähten Flecken Grün, die neuerdings allerorts zwischen abgezirkelten Beeten und englischem Rasen wuchern. Und die sind super, weil auf diesen Stücken Gras alles wächst, was es in unseren Breitengraden eben so gibt: von der Glockenblume über die Steinnelke, die Königskerze bis hin zum Schlurfhansel. Herrlich! Dieses Fleckchen unberührte Natur im Hosentaschenformat wird von den meisten Stadtbewohnern geschätzt. Sei es die Gelse, die sich hier bis zur Dämmerung verschanzt, Hunde von Mir-wurscht-Hundehaltern, die hier ihre Haufen hinlegen, jugendliche Komasäufer, die da ihre Schultage verplempern, oder Obdachlose, die unter freiem Himmel im wilden Blumenbeet nächtigen. Die Stadtwildnis ist eine kleine Oase Freiheit inmitten des geordneten Wiens, quasi das kostenlose Pendant des Wiener Kaffeehauses - ein Ort zum Sitzenbleiben und Innehalten.


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