Tiere

Urinstinkt

Peter Iwaniewicz hat bislang unter Urinsekten etwas anderes verstanden

Falters Zoo | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Unser Urin ist eine grenzenlose Energiequelle", meinte der britische Forscher Ioannis Ieropoulos. Sein Team an der Universität Bristol publizierte einen Beitrag, in dem menschlicher Urin zum Betrieb eines Mobiltelefons genutzt wurde. Diese Idee ist nicht ganz neu: Die im Urin enthaltenen Bakterien spalten organische Substanzen im Harn und an einer Kohlenstoffelektrode entsteht dann ein - schwacher - Strom. Ähnlich wie bei einer Brennstoffzelle kann man einen Keramikzylinder damit befüllen und diese Energiequelle dann auch mobil nützen.

So weit, so sachlich. Doch zum Glück kann man heutzutage solche Meldungen im Web kommentieren und dafür sind alle vom Sommerloch geplagten Kolumnisten wie meinereiner sehr dankbar. Der Entertainer Harald Schmidt soll sich in seinen besten Zeiten für seine gleichnamige Show bei Sat.1 bis zu 70 Gagschreiber gehalten haben. Unnötige Geldverschwendung! So etwas gibt es jetzt in Onlineforen gratis und bei solchen Pressemeldungen bebt die Community vor feucht-fröhlichen Anmerkungen: "Nokia überlegt bereits, die künftigen, urinbetriebenen Modelle Lulumia zu nennen. Ich hingegen lasse mir den Namen 'Pippifax' für ein solcherart betriebenes SMS-Gerät schon mal schützen."

Manche Kommentare sind eher derb hingepiselt: "In Zukunft wird man sein Handy nicht mehr in der Gesäßtasche, sondern vorne tragen, sodass es leicht aufgeladen werden kann."

Wer zwischen den Zeilen lesen kann, dem wird ein alter Mythos zerstört, denn Urin soll ja angeblich desinfizierend wirken. Wie kommen da die stromliefernden Bakterien in den neuen Kraftstoff? Bei der Bildung in den Nieren und der Lagerung in der Blase ist Urin beim gesunden Menschen keimfrei. Aber in der unteren Harnröhre leben sehr wohl zahlreiche Bakterien, sodass der Urin beim Austritt bis zu 10.000 Keime pro Milliliter enthält.

An diese Legende von der reinigenden Wirkung glaubten auch schon die alten Römer. An belebten Straßen wurden Amphoren aufgestellt, um den von den Wäschern benötigten Urin einzusammeln. Kaiser Vespasian erhob darauf eine spezielle Urinsteuer. Als man ihm vorwarf, aus stinkenden Ausscheidungen monetären Nutzen zu ziehen, soll er an einer Münze gerochen und "Geld stinkt nicht" geantwortet haben.

Mein Urinstinkt sagt mir, dass sich das ändern könnte.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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