Neu im Kino

Es liegt ein Grauschleier über der Stadt: "Weekend"

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Der Filmkritik liebste Beziehungs-Avatare bleiben bis auf Weiteres Julie Delpy und Ethan Hawke ("Before Midnight"). Aber Andrew Haighs "Weekend" beweist, dass man sich auch im verschlafenen Nottingham auf verliebte Marathondialoge versteht: Freitagnacht gabelt der stille Russell im Schwulenclub Glen auf. Am nächsten Morgen wird er von seinem One-Night-Stand für ein Kunstprojekt verhört. Unter dem Zeitdruck einer bevorstehenden Abreise führen die beiden ihre Konversation über das ganze Wochenende weiter.

Regisseur/Autor/Cutter Haigh, ehemals Schnittassistent für Hollywood-Großproduktionen, stellt das einnehmend intime Spiel von Tom Cullen und Chris New in eine Inszenierung voller sanfter, meist schlüssiger Kunstgriffe. Die erste Annäherung und gemeinsame Nacht wird vom Schnitt ausgespart und erst in den Dialogen allmählich eingeholt.

Das große Finale auf einem Bahnsteig zeigt Andrew Haigh in einer gleichmäßig heranzoomenden Einstellung durch ein Gitter: eine Spur akademisch, vor allem aber ein berührender Ausdruck der Frage nach privaten und öffentlichen Selbstentwürfen, an der sich hier die meisten Konflikte entzünden.

Während Russell sich eine unauffällige Existenz zurechtgelegt hat - offen schwul vor Freunden, aber diskret in der Öffentlichkeit -, sucht Glen in Heten-Kneipen die Konfrontation. Je weiter die Digitalkamera am Ende durchs Gitter zoomt, desto mehr verschwimmt es, legt sich als Grauschleier über die Handlungen dahinter.

In etwa so darf man sich auch die neue Normalität eines schwulen Alltags in der westlichen Provinz vorstellen, die "Weekend" beschreibt: keine großen Coming-out-Dramen, aber eine anhaltende Staubschicht diffuser, auch verinnerlichter Repression. Sehenswert.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige