Vom Blubberschlamm der sexy Rheintöchter hinunter zum Gral des Ritters Parsifal

Lexikon | Nicole Scheyerer | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Es dröhnt und wummert, schallt und wogt: Kein "Walkürenritt" oder "Liebestod" erklingt in der Ausstellung "Wagner Extase", sondern elektronischer Sound. Begleitend zu seinem Stück "Wagnerdämmerung" hat Theatermacher Paulus Manker (siehe Feuilleton S. 26) in Kooperation mit Peter Bogner und Florentina Welley eine Schau mit über 40 Künstlern auf die Beine gestellt. Das k.k. Post- und Telegrafenamt ist mehr als marode, aber das kaputte Flair schadet den teils eigens produzierten Arbeiten nicht.

So gleich zu Beginn der spannend zusammengewürfelten Schau, wo die Künstlerin Katharina Razumovsky unzählige Lüftungsschächte abmontiert und wie Orgelpfeifen gruppiert hat. Der in Neonschrift darauf ausgerufenen "Extase" wird in der folgenden Rauminstallation gehörig gehuldigt: Ein Video zeigt blutiges Gewühle im Beuschel eines Stiers; es handelt sich um die Doku eines Zweitagesspiels von Hermann Nitsch zum Thema "Parsifals Speer".

So wuchtig wie bei Nitschs Gesamtkunstwerk wird es in der Schau nur mehr selten, denn die jüngeren Künstler legen ein von Ironie geprägtes Verhältnis zum deutschen Genie an den Tag. Deborah Sengls Collagen zeigen die Rheintöchter als sexy Nixen im Pinup-Stil der Sixties. Die witzige Echtzeitinstallation des Künstlerpaars Michael & Kamila Bielicky setzt auf Twitter eingesammelte Meinungen zu Wagner in die Sprechblasen von Comicmännchen. Und Dominik Castell schickt Wagnerklänge in ein Becken voller Schlamm, so dass von großer Oper nur mehr Blubberblasen übrigbleiben.

Im gruftigen Keller glänzt ein goldener Gral von Patrick Rampelotto und auch Erwin Wurms "Desperate Philosopher" weilt unterirdisch. Hannes Mleneks riesige Wandmalereien des nackten Parsifal scheinen in Karlheinz Essls Soundlandschaft zu vibrieren.

Der bedeutungsschwerste Einfall aber stammt von Manker selbst: In einem dunklen Kammerl zeigt er die Möbel jenes Schlafzimmers, in dem Christoph Schlingensief anscheinend seine Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung geplant hat -eine Hommage an den "genuinen Nachfahren Richard Wagners".

k.u.k. Post- und Telegrafenamt, bis 17.8.


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