Fragen Sie Frau Andrea

Oh, Jessasmariahilferstraße

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 30/13 vom 24.07.2013

Liebe Frau Andrea,

gerade wird die Mariahilfer Straße zu einer Multibegegnungs-Fuzo umgebaut. Das soll mir recht sein. Als nichtreligiöse Zeitgenossin hab ich eher Schwierigkeiten mit der Bezeichnung "Mariahilfer" Straße. Kann man da was machen? Laizistische Grüße, Mia Cahon, Mariahilf, per Smalt

Liebe Mia,

die Historikerinnen-Kommission, die im Auftrag der Stadt Wien die Straßennamen Wiens nach demokratiepolitisch kritischen Auffälligkeiten durchsuchte, hat in Bezug auf die Mariahilfer Straße keinen intensiven Diskussionsbedarf festgestellt. Wir wollen Ihrer Idee einer möglichen Umbenennung von Wiens größter Einkaufsstraße dennoch Aufmerksamkeit schenken. Im Laufe seiner vieltausendjährigen Geschichte hieß der illyrisch-keltisch-römische Kammweg zwischen Wiental und Ottakringerbach schon Kremser Straße, Bayerische Landstraße, Laimgrubner Hauptstraße und Mariahilfer (Grund) Straße, jenseits des heutigen Gürtels dann Fünfhauser Hauptstraße, Schönbrunner Linienstraße, Penzinger Poststraße, Schönbrunner Straße. Ein erster Versuch, die Gottesmutter aus dem Straßennamen zu verbannen, wurde kurz nach Öffnung des Eisernen Vorhangs unternommen, als in Reaktion auf die hunderttausenden Ungarn, die hier nach günstigen Elektrogeräten Einkaufschau hielten, die Bezeichnung "Magyarhilferstraße" aufkam. Ihren Namen hat die Mariahilfer Straße von einer Kopie des Passauer Marien-Gnadenbildes, das der Barnabit Don Cölestin Joanelli 1660 einer hölzernen Kapelle in der sogenannten "Scheffstraße" stiftete. Dies war der alte Name der "Mahü". Die Gegend hieß "Im Schöff" oder "Im Scheff", nach einem ausgedehnten Gehöft, das im Eigentum des Amtsmannes der Schiffsleute stand. Im Wirtshaus Zum goldenen Schöff sollen die bayrischen Schiffer eingekehrt sein, die Nutzholz die Donau flussabwärts verschifften und, nachdem sie es in Wien verkauft hatten, auf dem Landweg wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Andere Lokalhistoriker führen den Namen auf das "Schephen"(schöpfen) zurück, auf die Maischabgabe, die die Weinbergherren hier einhoben. Weder die eine noch die andere Deutung steht einer Rückbenennung der Mariahilfer Straße entgegen. Mein Vorschlag für die baldige Begegnungszone lautet: "Im Schröpf".


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