Kommentar  Onlinewahlkampf

Angeben und anpatzen: Wie die Politik das Netz missbraucht

Falter & Meinung | Ingrid Brodnig | aus FALTER 31/13 vom 31.07.2013

Wahlkampf ist, wenn Politiker wieder mit peinlichen Aktionen im Netz auffallen. Diesmal an der Reihe: Sebastian Kurz. In einem Youtube-Video wirbt die ÖVP mit zahlreichen "Erfolgen“ des Staatssekretärs. Twitter-User gratulieren ihm zu seinen "coolen“ Ideen, mehr als 7000 Menschen drückten bei einem Facebook-Eintrag auf "gefällt mir“, auch Jubelmeldungen in den Medien wurden abgebildet. Allein: All das stimmt nicht. Die Zeitungsartikel und digitalen Fans sind Fiktion. Ein Sprecher der ÖVP rechtfertigt dies im Standard damit, dass dies nur ein Werbefilm sei und es sich nicht um "das echte Internet“ handle - was prompt für Hohn sorgte. Hat die ÖVP etwa ihr eigenes Internet erfunden?

Politiker geben online gerne mit Fans an, die gar nicht existieren. Auch Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) stand unter Verdacht, dass er sich online von Mitarbeitern seiner Partei bejubeln ließ. Das ist anscheinend noch eine harmlose Form, wie Wähler im Netz manipuliert werden.

Im Juni 2005 wurde ein internes Papier der steirischen ÖVP bekannt. Laut dem Dokument "Modul 1 - Leserbriefe und Postings“ sollten Mitglieder "sachlich unqualifizierte, aber für die Stimmung wichtige Einträge“ in Zeitungsforen verfassen und Gerüchte über den politischen Gegner streuen, also sogenanntes Dirty Campaigning betreiben.

Ein professioneller Wahlkampf funktioniert freilich anders. Doch dafür müsste man das Internet als Medium ernstnehmen - und nicht erst kurz vor der Wahl eine digitale Strategie zusammenschustern. Wer keine richtigen Freunde hat, dem bleibt nichts anderes übrig, als welche zu erfinden. Das ist online genauso traurig wie offline.


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