Enthusiasmuskolumne  Diesmal: das beste Baumhaus der Welt der Woche

Im Salzkammergut mit Madame Bovary

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 31/13 vom 31.07.2013

Campingplätze gehören zu jenen Projekten der Moderne, von denen man nicht weiß, ob man sie der Demokratie oder der Diktatur zuordnen soll. Auf dem Papier mag die Idee kollektiven Zähneputzens und einer zeltwanddünnen Privatsphäre zwar urig kommunistisch erscheinen. Das klassenübergreifende, internationalistische Durcheinander diverser Feldküchen und Sprachen kann aber in einen Terror der Intimität kippen, der die Sehnsucht nach bürgerlich ausdifferenzierter Individualität konterrevolutionär heranreifen lässt.

Der Campingplatz am Hallstätter See im Salzkammergut bietet einen Ausweg an. Carola Hinterer vermag es, auf der von ihr betriebenen Anlage den Gegensatz zwischen Funktionalität und Repräsentation, zwischen Kaserne und Palazzo dialektisch aufzuheben, indem sie dem Besucher neben den üblichen Stellplätzen auch ein Baumhaus anbietet.

Während unten das Campingvolk mit seinen Badeschlapfen durch den Kies knirscht, studiert der Baumhauskönig das Bücherregal, in dem "Madame Bovary“ neben "Jane Eyre“ steht. Was für eine treffliche Auswahl, führen beide Bücher doch die Leiden einer von gesellschaftlichen Konventionen drangsalierten Lebensführung vor Augen. Was hätten die beiden unglücklichen Romanfiguren darum gegeben, mit ihrem Geliebten eine Nacht in einem Zweimannzelt zu verbringen, gestört nicht von einem erbarmungslosen Sittencodex, sondern vom Schnarchen des Nachbarn.

Den Preis von 90 Euro pro Nacht mit der feinen französischen Damastbettwäsche zu rechtfertigen wäre gar nicht nötig. Allein der Ausblick auf die über dem See aufsteigenden Felswände in Kombination mit einer mediterranen Campingbepflanzung lassen das unheilvolle 21. Jahrhundert vergessen. Mein Baumhaus ist meine Burg!


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