Fragen Sie Frau Andrea

Freundschaft, Genossinnen und Genossen!

Kolumnen | aus FALTER 31/13 vom 31.07.2013

Liebe Frau Andrea,

obwohl aus christlichsozialer, bäuerlich-konservativer Familie stammend, bin ich am 3. August zum Kanzlerfest ins Gartenhotel Altmannsdorf eingeladen worden! Was muss man als Grüß-Gott-Sager über den Gruß "Freundschaft“ wissen?

Florian Passinger, Neubau, per Smalt

Lieber Florian,

ich gratuliere zur Invitation, diese Ehre wird oft nicht einmal Herzensroten aus alten Sozifamilien zuteil! Stellen Sie sich auf ein unvergessliches Erlebnis ein. Das Grußwort, das Sie für Ihren Besuch in Stellung bringen, wird Freundschaft geschrieben, aber "Fröndschaft“ ausgesprochen. Zu Beginn der 1920er-Jahre begrüßten sich die Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterjugend noch mit "Frei Heil“, einer Grußformel, die vermutlich von den österreichischen Arbeitersportverbänden übernommen worden, aber spätestens mit der Konjunktur des "Heil Hitler“ der illegalen Nazis unmöglich geworden war. Ebenfalls aus der Arbeitersportbewegung kam der Gruß "Freundschaft“, der sich in den 20er-Jahren zunächst bei den österreichischen Kinderfreunden durchgesetzt hatte. Zur Frage, welcher Gruß der bessere sei - "Fröndschaft“ oder "Frei Heil“ -, gab es dennoch kontrastierende Meinungen. Als der sozialistische Arbeiterpädagoge Otto Felix Kanitz auf dem großen Internationalen Jugendtag in Wien im Juli 1929 seine Begrüßungsansprache mit dem Gruß "Fröndschaft!“ schloss, schallte ihm aus 50.000 Kehlen ein begeistertes Echo entgegen - "Fröndschaft“ war bei den Nossinnen und Nossen endgültig etabliert. Von den Jugendorganisationen trat der Gruß schließlich seinen Siegeszug in die gesamte sozialdemokratische Bewegung an - als Zeichen der solidarischen Verbundenheit und als ein äußeres Unterscheidungsmerkmal zum faschistisch punzierten "Heil“. Ähnlich wie "Glück auf“ ("Glükóf“ ausgesprochen) wurde "Freundschaft“ auch allgemein von Arbeitern verwendet, in der Sowjetunion ursprünglich sogar auf Deutsch - bis zum "Unternehmen Barbarossa“, Hitlers Angriff auf die Sowjetunion. Von da an wurde Freundschaft russisch entboten: Дружба (druschba). Mit dem Aufkommen des Chianti-Sozialismus ist der proletarische Gruß etwas aus der Mode gekommen. Was ich ausdrücklich bedaure. Einen eleganteren Gruß mit besserer Aura wüsste ich nicht. Freundschaft!


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige