Tiere

Wartungsfrei

Falters Zoo | aus FALTER 31/13 vom 31.07.2013

Eine der menschlichsten Eigenschaften ist das Warten. Und Sommerzeit ist vor allem Wartezeit. Als Wartebiotope bieten sich traditionell Grenzübergänge, Baustellen, Toiletteanlagen und neuerdings auch Selbstbedienungslokale an. Vor allem im Umfeld von Sommerkinos, Festivals und entlang des Wiener Donaukanals arbeitet man an einem raffinierten System von endlosen Warteschleifen: Zuerst muss man warten, um zu bestellen und zu bezahlen, dann wartet man auf die Zubereitung, danach auf frei werdende Sitzplätze. Zum Schluss lungert man zum Ausklang der Wartefestspiele noch bei der Becherpfandrückgabe herum.

Diese seltsame Mischung aus sozialer Disziplinierung und halbkomatösem Zustand kommt im Tierreich nicht vor. Tiere lauern. Ruhig und mit angespannten Sinnen verharren sie an einer gut getarnten Stelle und beobachten. Ihr Erfolg bei der Lauerjagd beruht auf Überraschung und Überwältigung ihrer Beute. Vorteil dieser Jagdmethode ist der geringe Energieaufwand.

Die Lauerjagd war lange Zeit auch unter Menschen eine bewährte Methode, um zu einem Essen zu kommen. Von einem Sitzplatz aus musste man den Kellner so lange fixieren, bis dieser unvorsichtig wurde und man mit ihm Augenkontakt herstellen konnte. Ab dann lief alles nach einem über Jahrhunderte erprobten Wirt-Gast-Konzept ab: bestellen, trinken, essen, zahlen.

Humanökologisch wird für diese aussterbende Form der Ernährung meist der Ausdruck "Ansitzjäger“ verwendet. Der Angriff erfolgt dabei von einer Sitzwarte, ähnlich wie bei Eisvögeln und Habichten, die vom Geäst eines Baums aus ihre Attacken starten.

Wir hingegen warten. Und auch dabei ist Ruhe die erste Bürgerpflicht, so wie es 1806 nach der verlorenen Schlacht von Jena und Auerstedt an den Mauern der Berliner Straßen stand. Ist Warten tatsächlich eine zivilisatorische Evolutionsleistung? "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, dieses Zitat wird Michael Gorbatschow gerne zugeschrieben. Doch zumindest wörtlich und öffentlich hat er es so nie gesagt. Sein Reformgedanke, den er in Berlin mehrere Male sowohl vor der DDR-Staatsführung als auch vor einer Menschenmenge äußerte, war angeblich: "Schwierigkeiten lauern auf den, der nicht auf das Leben reagiert.“

Ich glaube vielmehr, dass er meinte: Wo nicht Kellner auf die Gäste lauern, wird es schwierig!

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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