Am Apparat Telefonkolumne

Was ist in Güssing schiefgelaufen, Herr Groll?

Politik | aus FALTER 32/13 vom 07.08.2013

Schon im Jahr 2011 kritisierte der Journalist und Sachbuchautor Markus Groll ("Die 50 größten Energiespar-Lügen“) die burgenländische Stadt Güssing als "Potemkin’sches Dorf der Energieautonomie“. Jetzt wäre das dortige Biomassekraftwerk fast in Konkurs gegangen. Was hat Güssing falsch gemacht, Herr Groll?

Herr Groll, Sie haben bereits 2011 das damals noch hochgelobte Güssing scharf kritisiert. Warum?

Güssing hat mit einer guten Idee angefangen, aber irgendwann ist das vermittelte Bild immer mehr von der Wirklichkeit abgedriftet. Das Modell basierte nur noch auf massiven Förderungen, großspurigen Versprechungen und geschicktem Marketing.

Was hat man versprochen?

Man präsentierte Güssing als Vorbild für ganz Österreich. Dabei hat das Konstrukt wirtschaftlich nicht funktioniert, und selbst über die ökologische Rechnung könnte man streiten. Mit der gleichen Berechtigung hätten sich Dutzende andere Gemeinden genauso vermarkten können. Das war ein Schmäh. Er könnte dem Thema Energiewende aber am Ende mehr geschadet als gebracht haben.

Wenn eine Gemeinde ihr Energiesystem nachhaltig gestalten will, was kann sie richtiger machen als Güssing?

Zunächst soll sie nicht mehr versprechen als sie halten kann. Zweitens würde ich mich vom Konzept der "Energieautarkie“ verabschieden, zumindest auf Gemeindeebene. Das ist ein hochgradig falscher Zugang - was ist schlecht daran, überregionale Vernetzung zu nutzen? Drittens würde ich stärker auf ausgereiftere und wirtschaftlich tragfähigere Technologien setzen. Güssing war ein First Mover im Energiebereich und ist dementsprechend in viele Fallen gerannt. Die Infrastruktur für Fernwärme zum Beispiel ist furchtbar teuer und von Abnehmern abhängig.

Gibt es andere Gemeinden, die es besser machen?

Ja, zum Beispiel Mureck oder die Öko-Region Kaindorf in der Steiermark.

Interview: joseph gepp


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