Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Kleidungsstück der Welt der Woche

Zeig deine Scheibe, nicht deinen Schenkel

Feuilleton | aus FALTER 32/13 vom 07.08.2013

Wir haben das Thema vergangene Woche schon angekratzt, aus gegebenem Anlass aber schreit es nach Vertiefung. Die brüllende Hitze bringt es nämlich mit sich, dass auch in der Falter-Redaktion viele Männer Shorts tragen. Vorausgesetzt den Fall, dass keine Außen- und Besuchstermine anstehen, ist dies durchaus zulässig. Leider muss in rund 82 Prozent der Fälle das Beinkleid dennoch als beanstandenswert gelten.

Die dogmatische Ansicht, dass kurze Hosen am Arbeitsplatz prinzipiell nichts verloren haben (sofern man sein Geld nicht als Badewaschl, Surfbrettverleihfuzzi oder Stricher verdient), lässt sich legitimerweise nur dann anfechten, wenn bestimmte Standards des Stils und der guten Sitten eingehalten und ergo Schlabberturnhosen auch dann nicht ins Theater ausgeführt werden, wenn dort Tanzveranstaltungen stattfinden.

Es lässt sich viel Gelehrtes über historische Kleidungsvorschriften und die "Konstruktion“ von Schönheitsidealen schwatzen. Dass Gott den Menschen serienmäßig mit Knien ausgestattet hat, ist aber weder zu leugnen noch ohne guten Grund. Das Knie ist ein ästhetisch bedeutsamer Knick, der die Proportionen des Leibes definiert und ergo nicht mutwillig ignoriert werden darf. Daher soll die kurze Hose beim aufrecht stehenden Mann (Homo erectus) grade bis zur Kniescheibe reichen oder diese zart umspielen. Ansonsten schmiege sie sich nicht knalleng, aber doch konturbewusst an Arsch und Schenkel.

Clowneske Cargotaschen sind ebenso des Teufels wie Muster und Stoffe, die aussehen, als hätte man das Teil soeben aus der Bettwäsche oder einem Geschirrhandtuch geschnitten. Eine elegant geschnittene, monochrome oder dezent gemusterte Short aber ist Gott und den Menschen ein Wohlgefallen.

KLAUS NÜCHTERN


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