Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Die Missgeburt

aus FALTER 33/13 vom 14.08.2013

Adolf Holl auf dem Cover des Falter. Der dissidente Theologe sprach im Interview mit Günter Kaindlstorfer unter anderem auch über den damals die Öffentlichkeit dominierenden reaktionären Bischof Kurt Krenn. Holl diagnostizierte, nicht ohne Bedauern: "Die religiösen und kulturellen Inhalte des Bäuerlichen sind zum Untergang bestimmt. Und mit ihm wird die katholische Kirche, wohlgemerkt, die katholische Kirche als geschlossene Formation, untergehen.“

Kaindlstorfer konnte sich daraufhin eines Bekenntnisses nicht enthalten: "Ich bin ein Fan von Kurt Krenn. Der Mann vertritt einfach bis aufs Jota genau, was gute katholische Glaubenslehre ist. Er entstellt das Katholische, möchte ich sagen, zur Kenntlichkeit.“ Und Holl antwortete trocken. "Sie haben völlig recht. Kurt Krenn ist nicht dialogfähig, weil es die Kirche auch nicht ist.“

Das Österreich anno domini 1993 sah also anders aus als heute. Jörg Haider zum Beispiel hatte seinen Aufstieg erst begonnen; gerade erhielt er aufgrund funktionierender österreichischer Automatismen das große goldene Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich. Dabei hatte er eben noch Österreich als "ideologische Missgeburt“ gescholten - das war, vor seinem austrochauvinistischen Schwenk, an die Adresse der alten Kameraden gesagt. Andrea Kästle schrieb eine Geschichte über Sammler und Ablehner österreichischer Ehrenzeichen - der Abgeordnete Herbert Schambeck (ÖVP) sammelte deren 27, sein Parteigenosse Erhard Busek lehnte sie alle ab.

Österreich 1993: dazu gehörte auch die einsetzende Propaganda für den EU-Beitritt, an der sich der Falter vorsichtig sympathisierend beteiligte. Weite Teile der Grünen (angeführt von Johannes Voggenhuber!) und der Linken waren dagegen. Thomas Seifert interviewte den Werber Mariusz Demner, den die Bundesregierung engagiert hatte. Als weiser Österreicher gab der sich vorsichtig. Weit sei man davon entfernt, jetzt schon für ein Ja zu werben. Man wolle nur, dass sich die Österreicher überhaupt eine Meinung bilden. AT


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