Chronologie einer Empörung: wie auf Facebook Storys entstehen

Politik | Ruth Eisenreich | aus FALTER 33/13 vom 14.08.2013

Ein Zweijähriger mit Leukämie - und der Staat verhindert die Behandlung in einem spezialisierten Krankenhaus? Ein Facebook-Posting über diese "Geschichte zum menschenverachtenden Rechtsstaat Österreich“ löste letzte Woche eine Empörungswelle aus.

Der Bub lebe mit seinen Eltern im Flüchtlingslager Traiskirchen, hieß es in dem Posting. Wegen der Gebietsbeschränkung - der Regelung, dass Asylwerber den Bezirk, in dem sie leben, nicht verlassen dürfen - könne er nicht im Wiener St.-Anna-Kinderspital behandelt werden.

Über 150 Menschen teilten die Statusmeldung, mehrere boten ihre Hilfe an, ein User fand sogar ein Grazer Spital, das sich bereit erklärt, das Kind aufzunehmen (wobei Graz ebenso wenig im selben Bezirk wie Traiskirchen liegt wie Wien). Vermutlich bewirkt nicht zuletzt die Tatsache, dass die Posterin eine bekannte Autorin und Journalistin ist, das starke Echo; außerdem kommt die Geschichte zu einem Zeitpunkt, an dem die Wogen beim Thema Asyl - siehe Nachgesehen oben - hochgehen.

Nur einen Tag später meldet sich die Journalistin mit einer guten Nachricht zurück: Ihr Posting habe "viel bewegt“, das Kind könne nun im St.-Anna-Kinderspital behandelt werden.

Doch ab hier wird die Geschichte unübersichtlich. Denn beinahe zeitgleich erklärt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums, dem Falter, dass keine der zuständigen Stellen in Traiskirchen und kein Krankenhaus der Umgebung von einem leukämiekranken Zweijährigen wisse. Dem Falter nähere Informationen zu dem Fall zu geben lehnt die Journalistin ab - ihr Informant wolle das nicht.

Rechtlich ist die Lage übrigens klar: Die Grundversorgung umfasst auch die Krankenversicherung der Asylwerber, und das Asylgesetz 2005 nennt drei Ausnahmen von der Gebietsbeschränkung. Unter anderem dürfen Asylwerber ihren Bezirk verlassen, "wenn und solange dies für die Inanspruchnahme einer medizinischen Versorgung und Behandlung notwendig ist“.


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