Ohren auf Unkonventionelle Trios

Wir sind so frei: drei mal drei minus zwei

Feuilleton | aus FALTER 33/13 vom 14.08.2013

Tauscht man in der klassischen Besetzung Klavier, Bass, Schlagzeug eines der Instrumente aus, geht das fast schon als unkonventionell durch, verändert man zwei Positionen, wird’s nachgerade exotisch - jedenfalls im Jazz. Nicolas Masson (ts, cl), Roberto Pianca (g) und Emanuele Maniscalco (dr) haben sich im Studio von Radio Lugano eingefunden und für "Third“ (ECM) gleich 16, naturgemäß recht kurze Stücke eingespielt, die dennoch den Eindruck einer gewissen Stasis hinterlassen. Auch wenn die Becken züngeln oder die Gitarre bedrohlich verzerrt grummelt, wartet man vergeblich darauf, dass es krachert wird; und das kann - wie bei einem Sommergewitter, das sich ankündigt, aber nie stattfindet - auf Dauer etwas frustrierend sein, auch wenn die Exerzitien dieses klangsensiblen, introvertierten Trios nicht ohne Reiz sind.

Das ästhetische Kontrastprogramm dazu findet sich auf dem Livemitschnitt "Mavì“ (Intakt), wo es von Anfang an ganz anständig zur Sache geht: Wenn er nicht zum E-Bass greift, verwendet Michel Godard seine Tuba als walking bass oder setzt sie quasi als Ersatz für Gesang (Händels "Lascia ch’io piagna“) oder ähnlich einem Flügelhorn ein. Lucas Niggli sorgt für den schlagzeugerischen Unterzund, und der höchst eloquent über die Knöpferln seines Akkordeons irrlichternde Luciano Biondini kennt ohnedies kein Halten - bis man beim finalen "A Trace of Grace“ endlich inbrünstig zur Ruhe kommt.

In welchem Genre sich der japanische Pianist, Komponist und Schauspieler Ryuichi Sakamoto bewegt, ist schwer zu sagen. Seine post-spätromantische pentatonische Neoklassik (um es mal so zu nennen), die er auf "Three“ (Dekka) mit Unterstützung von Judy Kang (v) und Jaques Morelenbaum (cello) verlässlich bittersüß über 13 Stücke lang durchhält, wäre wohl unerträglich, würde sich das Schwelgerische ungebremst Bahn brechen. Durch kluge Dosierung, extreme Dehnungen oder aparte Dissonanzen gewinnt das Album allerdings eine gewisse Eleganz und Raffinesse.

KLAUS NÜCHTERN


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige