Fragen Sie Frau Andrea

Georg mit der Haube aus Blech

Kolumnen | aus FALTER 33/13 vom 14.08.2013

Liebe Frau Andrea,

woher hat der "Schurl“ seine "Blechhaubn“? Ist er als Kind auf den Kopf gefallen, oder gilt er bloß als der erste vorbildlich behelmte Radfahrer Wiens?

Josef Dollinger per Elektro-Post

Lieber Josef,

Schurl ist die wienerische Form des Vornamens Georg. Auf windigem Wege kommt es vom französischen Georges, das der feinere Wiener gerne "Schuasch“ aussprach - "Schoasch“ kam wegen der Ähnlichkeit zu Oasch nicht immer infrage. Die Blechhaube erinnert weder an Kinderunfall noch an Radlerschutz, sie stammt vom heiligen Georg, der als Ritter hoch zu Ross in Kirchenbildern und Schnitzplastiken oft mit Helm dargestellt wurde.

Jedenfalls galt der christliche Märtyrer und Nothelfer Sankt Georg, ein palästinischer Offizier in Diensten der römischen Armee, neben einer Vielzahl von Berufen und Berufungen als Schutzpatron der Reiter und Ritter, der Soldaten und der Feuerwehrleute. Wann immer und wo immer in Wien behelmte Uniformierte zusammenliefen, riefen sie das Bild des "Schurl mit der Blechhaum“ hervor, des Georgs mit dem Helm.

Der Eilschritt von Stadtguardia und Brandentschleunigern verschmolz volksetymologisch mit einem anderen Wiener Begriff, dem des Schurlns, des schnellen Laufens. Das Schurln kommt nun nicht vom Heiligen und den ihm sanktusmäßig Schutzbefohlenen, sondern vom bairisch-österreichischen "schurren“ - verwandt mit "scharren“ und "scherren“. Es bezeichnete das geräuschvolle Gleiten. Das gnadenlose Herumlaufen - wienerisch "umanandaschurln“ - verhalf dem legendären Fußballer Josef Degeorgi zu seinem Kampfnamen. Als Austrianer und Nationalkicker lief dieser stets als "Deschurli“ aufs Feld.

Es wäre nicht Wien, wenn nicht das Heilige und Helmtragende, das Soldatische und Feuerwehrhafte, das Schnelle und Ballfüßige auch noch eine sexuelle Konnotation bereitstellte. Mit Schurln, sich schnell bewegen, ist im Wienerischen auch der Koitus gemeint.

Die Silbe "schur“ kommt auch in einem anderen Vorgang zu Ehren, der meist mit Eile einhergeht: "Dschuari“ (oder "Bschuari“) nennen Sprecher des Wienerischen das Sperma. Die Samenspende kommt nach Ansicht der einen vom tschechischen Wort èurati, pissen, nach Meinung der anderen von djuuri, Romani für Suppe.


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