Tiere

Bissigkeiten

Kolumnen | aus FALTER 33/13 vom 14.08.2013

Endlich gibt es sommerlichen Monsteralarm! Die Presse rief zumindest einen solchen für Bayern aus, Qualitätsmedien nennen es einfach "Ungeheuer vom Badesee“. Letztes Wochenende wurde einem Kind beim Schwimmen im Oggenrieder Weiher die Achillessehne von einer Schildkröte durchgebissen. Interessanterweise wird in den sonst zoologisch eher ignoranten Zeitungsberichten dazu eine kenntnisreiche reptilienkundliche Diskussion geführt: War der mutmaßliche und zur Familie der Alligatorschildkröten gehörende Täter eine Schnappschildkröte (Gattung Chelydra) oder die noch aggressivere Geierschildkröte (Gattung Macrochelys)? Etwas seltsam ist diese so differenziert geführte Debatte deswegen, weil von dem Tier niemand auch nur einen Schwanzzipfel gesehen hat.

Egal. Jetzt wird auf fast alttestamentarische Weise reagiert und der ganze Teich durch Ablassen bestraft. Der Begriff "Ablasshandel“ bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Fische werden umgesiedelt, Heerscharen von Feuerwehrleuten durchsuchen den Schlamm mit "schnittfesten Stiefeln“ und zweieinhalb Meter langen Stangen, "um Abstand von der extrem angriffslustigen Schildkröte halten zu können“, wird der Feuerwehrsprecher aus dem bayrischen Irsee zitiert. Szenen wie im Film "Alien“ tauchen einem da vor dem Auge auf, wenn ein durch das Schilf huschender Schatten einen Mann nach dem anderen in sein schlammiges Grab zieht. Vorsicht ist jedenfalls angebracht, wenn man meint ein rotes "Zuckerl“ am Boden zu sehen. Denn diese Urzeitmonster jagen nach ihrer Beute, indem sie - im Schlamm versteckt - nur ihre rote Zunge als Köder herausstrecken. Ein falscher Griff, und schni-schna-schnappi, weg ist der Arm! Ja, die Beißkraft der Schnappschildkröten wächst stetig und geradezu ins Mythische. Waren es vor zwei Jahren noch kleine Fingerknochen, die angeblich mit einem Biss abgesäbelt werden können, so sind wir mittlerweile bei der Dicke eines Besenstils aus Eichenholz angekommen.

Aber die sorgsam aufgebaute sommerliche Dramatik fällt bei der Namensgebung wie ein lecker Heißluftballon in sich zusammen: Chronikredakteure tauften das Monster Lotti. Aber hallo! Ein Schlammmonster, dessen Kiefer durch Achillessehnen gleiten wie weiland König Artus’ Schwert durch den Amboss, verdient mehr als den Namen eines Mädels vom Ponyhof. Smaug - nein, wir sind in deutschen Landen: Fafnir lebt! Sigurd, komm zurück! F

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige