Kommentar 

Kunst oder Krempel: Der Nazi-Fake von Jonathan Meese

Kunst

Falter & Meinung | Matthias Dusini | aus FALTER 34/13 vom 21.08.2013

Das Amtsgericht Kassel sprach den Künstler Jonathan Meese, 43, von der Anklage frei, das Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation verwendet zu haben. Im Juni 2012 hatte Meese im Rahmen eines öffentlichen Gesprächs an der Kasseler Universität die "Diktatur der Kunst“ gefordert und den Hitlergruß gezeigt, so wie wenige Monate vorher bereits an der Akademie der bildenden Künste Wien, übrigens ohne weitere Beanstandung. (Der Falter berichtete.)

Die deutsche Richterin begründete den Freispruch damit, dass der Künstler in seinem Auftritt den Nationalsozialismus nicht verherrliche, sondern verspotte. Die deutschen Feuilletonisten atmeten auf, stärkte dieses Urteil doch das Recht auf künstlerische Freiheit. Gleichzeitig fand sich aber kaum einer, der die Kunst des mehr von Sammlern als von Kuratoren geschätzten Künstlers verteidigte. Missbraucht hier ein Selbstdarsteller die künstlerische Freiheit für seine schlechte Kunst?

Eine Meese-Rede ist etwa so unterhaltsam wie die Inszenierung einer Wagner-Oper in Bayreuth vor 100 Jahren. Er wirkt sprachlich wie ein kostümierter Germane, intoniert mit dem anachronistischen Pathos eines Pickelhauben-Wotan. In einer Zeit geschmeidiger Politikerreden brüllt er bodenlose Behauptungen, die im Nichts verhallen. Meeses Fake-Radikalismus findet keine Gefolgschaft und vermag die Zuhörer lediglich zu einem Kopfschütteln zu bewegen.

Dennoch sind seine Auftritte faszinierende Verausgabungen; Tobsuchtsanfälle in der Rhetorik des Manifests, die den Grad entwickelter Meinungsfreiheit vor Augen führen. Solange Meese frei herumläuft, braucht man sich um die deutsche Demokratie keine Sorgen zu machen.


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